Test: Pokémon Ultrasonne & Ultramond

Von Nico Zurheide am 03. Januar 2018

Ziemlich genau ein Jahr nach der erfolgreichen Frischzellenkur namens Sonne / Mond schob Gamefreak die Spezialeditionen hinterher. Zu früh?

Als die siebte Generation der Taschenmonster letztes Jahr nach dem Megahype um Pokémon GO erschien, wirkte sie wie ein Neuanfang zum 20. Jubiläum der Reihe, wurde durchweg gut angenommen (zum NplusX-Test) und katapultierte die Präsentation der etwas angestaubten Hauptspiele in neue Dimensionen. Sei es die liebevoll und detailreich gestaltete Spielwelt Alola, das charmant polarisierende Gegnerteam „Skull“ oder die neue Art der Dialoge, die erstmals gezielt auf Situationskomik setzten - die Entwickler drehten an sämtlichen Stellschrauben. Dazu gab es reichlich Spielinhalte, wundervollen Fanservice und beinahe durchgehend gelungene Pokémondesigns. Völlig zurecht konnten Sonne und Mond also seinerzeit Höchstwertungen einfahren.

Kaufverhalten risikofreudig ausloten

Nur ein Jahr später erschienen wieder zwei Editionen, die auf den ersten Blick allerdings nur das Wörtchen „Ultra“ als Rechtfertigung für ihr Erscheinen anführen. Und auf den zweiten Blick? Natürlich hat Game Freak wieder zahlreiche Neuerungen eingeführt, die den treuen Fans den schnellen „Nochmal-Kauf“ schmackhaft machen sollen. Da wären zuerst die neuen Storyelemente rund um die Ultradimension, das Cover-Pokémon Necrozma und das mysteriöse Ultraforschungsteam zu nennen. Das neue Team interessiert sich für die Ultrabestien und nimmt im Verlauf des Spiels eine immer stärkere Rolle ein. Daneben erfuhren vor allem die Inselprüfungen eine Neugestaltung, außerdem gibt es neue Begegnungen und Orte. Die Geschichte der alten Spiele wird also um einige Aspekte erweitert, an der eigentlichen Handlung nahmen die Entwickler aber keine Änderungen vor.

Zu den neuen Orten zählen vor allem die Strände auf jeder der vier Hauptinseln Alolas. Diese sind durch das Minispiel „Mantax-Surfen“ verbunden; hier muss der Protagonist auf einem Mantax eine langgezogene Welle immer wieder hoch und runter surfen, bis ihm der Absprung an der oberen Kante gelingt und er durch Tricks in der Luft Punkte ansammeln kann, die zusammengerechnet die Endwertung des Durchgangs ergeben. Glücklicherweise verzichtet Game Freak auf jede Art von Bewegungssteuerung - leider ist diese im zweiten neuen Minispiel Pflicht und macht somit dessen Bedienung zur Krux. Die Ultradimension, die in Sonne / Mond nur kurz besucht wird, ist nun weitaus umfangreicher bereisbar. Solgaleo oder Lunala reiten durch die Ultrapforte und müssen dabei Sphären einsammeln, um möglichst weit in die Pforte einzudringen. Je nach Weite und Farbe der Pforte landet ihr dann in verschiedenen Ultradimensionen, in denen neben für Alola unübliche Pokémon auch beinahe sämtliche bisher bekannte Legendäre Pokémon gefangen werden können.

Das Beste aus 20 Jahren

Überhaupt dehnen die Ultra-Editionen den Spagat zwischen neuen Inhalten und nostalgischen Momenten für längjährige Fans noch etwas weiter, als die letztjährigen Versionen. Auf der einen Seite gesellen sich zu der riesigen Menge an Legendären Pokémon auch noch einige komische Situtationen rund um Pikachu und das „Team Rainbow Rocket“, zu dem an dieser Stelle aber nur gesagt sei, dass es sich dabei um Fanservice par excellence handelt. Auf der anderen Seite bleiben die Z-Attacken eine höchst unnötige Erweiterung des Kampfsystems (natürlich gibt es auch neue Z-Attacken), die Game Freak auch dieses Mal nicht ordentlich ins Geschehen einbinden kann, und die durchaus hanebüchene Story rückt durch neue Elemente noch weiter in den Fokus. Immerhin: Der mit Sonne und Mond eingeführte Trend des etwas ansteigenden Schwierigkeitsgrades wird weiter fortgeführt, auch wenn die Editionen weiterhin nicht das Niveau vergangener Zeiten erreichen.

Erstmals gibt es in einer Zusatzedition nicht nur neue Formen alter Pokémon - hier für Pikachu, Wolwerock und die Cover-Legende Necrozma, es gibt keine weiteren Alola-Formen - sondern ganz neue Taschenmonster. Gleich vier neue Ultrabestien treten auf den Plan, auch wenn diese nur begrenzt und teils editionsspezifisch zu fangen sind. Die Anzahl der jeweils nur in einer der beiden Editionen auftretenden Pokémon ist durch die hohe Zahl der Legendären Pokémon vergleichsweise hoch, gleich zweimal 28 Viecher gibt es editionsexklusiv, dazu kommen jeweils zehn Fossilpokémon. Erwähnenswert sind außerdem die 100 Herrscher-Sticker, die in ganz Alola verstreut zu finden sind und damit die Zygarde-Zellen aus den Vorgänger-Edition ablösen. Heinrich Eich tauscht die Sticker gegen verschiedene Pokémon ein, die die Größe der sogenannten Herrscher-Pokémon besitzen. Diese durch Boni verbesserten wilden Pokémon treten in den verschiedenen Inselprüfungen als Endgegner auf.

Die grundlegende Atmosphäre der Spiele hat sich logischerweise kaum geändert, Alola ist weiterhin eine sonnige und freundliche Region, in der Menschen und Pokémon symbiotisch miteinander leben. Selbst das hier ansässige Team Skull besteht eher aus Schulhofrüpeln als Verrückten mit Weltherrschaftsplänen. Zahlreiche kleinere Witze und oft gelungene Komik runden das Wohlfühlerlebnis ab. Auch wenn es Alola insgesamt etwas an Abwechslung mangelt ist die auf Hawaii basierende Region eine der schöneren des Pokémon-Universums. Auch an den Kernelementen der Geschichte, also der Inselwanderung mit ihren Prüfungen und der Errichtung einer hiesigen Pokémon-Liga, hat sich verständlicherweise nichts geändert.

Die neuen Inhalte machen aus dem ohnehin schon großen Spiel zwar nicht ein Content-Monster in der Art einiger West-RPGs, die 100-Stunden-Marke lässt sich aber trotzdem ohne Langeweile oder großartige Wiederholung locker erreichen. Das macht sich natürlich auch auf der technischen Seite bemerkbar. Die schon in Sonne / Mond vorhandenen Framedrops lassen sich nun ab und zu auch außerhalb von Doppelkämpfen erblicken und Ladezeiten erreichen wohl ein neues Rekordhoch für die Serie. Vor allem die alten 3DS-Modelle haben mit den letzten Pokémon-Editionen für die System-Familie arg zu kämpfen.

Fazit:

So gut gelungen die 7. Generation der Taschenmonster auch ist - beim Testen von Ultrasonne und Ultramond steht die ganze Zeit über dieser große, imaginäre Elefant im Raum, der einem ununterbrochen ein „Warum soll man sich diese Spiele kaufen?“ ins Ohr trötet. Das Grundspiel steht zwar und ist auch weiterhin ein Höhepunkt der gesamten Reihe - es ist aber zum Zeitpunkt des Releases der Zusatzeditionen auch erst ein Jahr alt. Game Freak missachtet außerdem quasi sämtliche Kritikpunkte und wagt nicht einmal den Versuch, diese auszubessern. Gleichzeitig schafft es ein Haufen neuer Inhalte in die Spiele, die in ihrer Gesamtheit zwar nett sind, einzeln betrachtet aber kaum der Rede wert sein können. Gerade in der heutigen Zeit kommt da doch unweigerlich die Frage auf, warum die Inhalte nicht per DLC nachgereicht wurden.

Gut, die Antwort ist klar: Pokémon-Fans kaufen einfach alles, und sei es noch so oft bereits dagewesen. Trotzdem muss es dadurch Punktabzüge geben, obwohl Pokémon Ultrasonne und Ultramond durchaus die ultimativen Versionen der 7. Generation darstellen. Für Interessierte und Fans, die Sonne / Mond ausließen, werden die neuen Editionen spätestens jetzt zum Pflichtkauf. Alle anderen sollten sich vor dem Kauf die Frage stellen: Warum möchte ich einem Entwickler mein Geld geben, obwohl dieser sich offensichtlich nicht großartig angestrengt hat?

Wertung:

8.5

Nico Zurheide meint:

"Zwar noch etwas besser als Sonne/Mond, dafür aber auch so unnötig wie ein sprechendes Pikachu."
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Sehr gut
Technik: Durchschnittlich

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1 Kommentare:


Tobsen
vor 6 Monaten | 1
Hm, evtl hole ich Ultra nun doch noch. Habe Sonne ja ausgelassen und das hier scheint ja keine Alternative zu S/M zu sein, sondern einfach eine Ergänzung/GotY-Geschichte beinah. So hätte ich dann das Alola-Komplettpaket.