Test: Life is Strange - Before the Storm

Von Jeremiah David am 21. Dezember 2017

Nach dem Sturm ist vor dem Sturm - oder andersrum?

Als das erste Kapitel des interaktiven Jugenddramas Life is Strange im Januar 2015 veröffentlicht wurde, waren viele Spieler zunächst skeptisch. Doch das Spiel mauserte sich schnell zu einem echten Hit für die Entwickler von Dontnod Entertainment. Trotz technischer Schwächen und einiger sonderbar geschriebener Dialoge, konnte die komplexe, bisweilen hochemotionale und überraschend düstere Geschichte rund um die 18-jährige College-Studentin Maxine „Max“ Caulfield viele Spieler in ihren Bann ziehen.

Das in fünf Episoden unterteilte Adventure, das zunächst nur als Download erhältlich war, erzählte von mysteriösen Ereignissen in der verschlafenen Kleinstadt Arcadia Bay im Nordwesten der USA. Als Max konnten Spieler die Zeit manipulieren, um zusammen mit der Jugendfreundin Chloe Price nach und nach dem spurlosen Verschwinden der Studentin Rachel Amber auf den Grund zu gehen. Dabei stand weniger ausgefeiltes Gameplay im Vordergrund als vielmehr Max‘ Interaktion mit den bunten Charakteren in und um Arcadia Bay.

In Before the Storm steuern wir nun nicht mehr Max, sondern Chloe. Mit ihr machen wir uns in der Schule unbeliebt, treten im Schultheater in einer Adaption von William Shakespeares „Der Sturm“ auf, liefern uns Wortgefechte mit Möchtegern-Stiefvater David und flirten mit Rachel Amber, deren nach außen hin perfektes Elternhaus einige Geheimnisse hütet. Max taucht indes im Laufe der drei neuen Episoden überhaupt nicht beziehungsweise lediglich namentlich auf. Der logische Grund dafür: Before the Storm spielt drei Jahre vor den Ereignissen der ersten Staffel und Max befindet sich während dieser Zeit noch in Seattle.

Aus dieser Tatsache ergibt sich sogleich eine der größten Schwächen des Spiels: Das Ende der neuen Episoden ist aus der ersten Staffel längst bekannt. Dementsprechend können wir mit unseren Entscheidungen zwar einzelne Handlungsstränge auf dem Weg dorthin beeinflussen, nicht aber das Endergebnis. Egal was wir tun, wir müssen zwangsläufig das spätere Abenteuer mit Max einleiten.

Paradoxerweise ist genau dieser Umstand allerdings auch eine große Stärke oder zumindest ein einzigartiges Element des Spiels. Denn während wir als rebellische, pubertäre und noch etwas naive Chloe viel Zeit mit der charismatischen Rachel und ihrer spießigen Familie verbringen, sind wir uns jederzeit bewusst, dass Rachel dem Tode geweiht ist. Dieses Hintergrundwissen verleiht selbst den schönsten, romantischten Momenten einen bittersüßen, melancholischen Nachgeschmack, der dem Spiel eine ganz besondere Note verpasst.

Ein weiterer Unterschied zur ersten vollen Staffel ergibt sich aus dem Umstand, dass Chloe anders als Max keine übernatürlichen Fähigkeiten besitzt. Während wir mit Max noch Dialogoptionen „testen“ konnten, müssen wir als Chloe ohne Rückspulfunktion leben. Dies nimmt dem Spieler zwar etwas Freiheit, doch gleichzeitig fühlen sich spontane Entscheidungen wichtiger und endgültiger an. Neu im Spiel ist anstelle der Zeitmanipulation eine Art Gesprächs-Battle. Hier geht es im schnellen Dialog hin und her, bis man den Gegner entweder von der eigenen Sache überzeugt hat oder selber klein beigibt. In der Theorie ist dieses Feature cool, leider wirken einige der Dialoge allerdings etwas überzogen bis völlig lächerlich.

Ungeachtet dieser Unterschiede, versprüht Before the Storm den gleichen Charme wie Staffel 1. Weil das Spiel nicht irgendeine belanglose neue Story, sondern Chloes Vorgeschichte erzählt und dabei konsequent Lücken schließt, passt es zudem nahezu perfekt zum Rest der Serie. Außerdem ist es interessant, drei Jahre jüngere Versionen bekannter Charaktere wie Victoria Chase oder Nathan Prescott zu sehen, die analog zu Chloe noch in einem Selbstfindungsprozess feststecken und so nur erste Züge ihrer späteren, charakterdefinierenden Eigenschaften zeigen. Die erste Episode beginnt zugegebenermaßen etwas gemächlich und auch später brennt das Prequel nie ein Action-Feuerwerk ab, doch je mehr Zeit wir mit Chloe verbringen und je mehr wir über Rachel und ihre Familie erfahren, desto mehr schafft es Before the Storm den Spieler in das Geschehen hineinzuziehen. Trotz des von vorn herein bekannten Endes, bleibt das Spiel bis zum Ende spannend.

Technisch gleicht das Spiel dem Ursprungsmaterial bis ins kleinste Detail. Hochauflösende Texturen oder superdetaillierte Charaktermodelle sind nirgends zu finden, die verspielten, malerisch wirkenden Umgebungen und der ruhige Soundtrack passen jedoch stets wunderbar zum Geschehen. Die Steuerung ist wie gehabt etwas behäbig, aber in Ermangelung schnellerer Actionszenen vollkommen zweckmäßig. Zu keiner Zeit fällt auf, dass Dontnod ein zweites Studio namens Deck Nine mit der Entwicklung beauftragte. Ebenso wenig fällt auf, dass Chloes Charakter einen Wechsel der Synchronsprecherin über sich ergehen lassen musste. Statt Ashly Burch (zuletzt als Aloy in Horizon Zero Dawn aktiv) spricht nun Rhianna DeVries Chloe.

Fazit:

Life is Strange – Before the Storm ist mit acht bis neun Stunden Spielzeit deutlich kürzer als die erste Staffel, aber die Hauptcharaktere mit all ihren Stärken und Schwächen sind so sympathisch wie eh und je. Das Spiel schafft es wie kein anderes, kleine Dinge in den Fokus zu rücken. Während viele Titel heutzutage mit epischen Geschichten und großen Actionszenen nach den Sternen greifen, lebt Life is Strange von ruhigen, emotionalen Momenten, den persönlichen Schicksalen der Protagonisten und damit verbundenen, philosophischen Fragen. Sind Lügen der Wahrheit vorzuziehen, wenn sie die Leben aller Beteiligten besser machen?

Manch einem Spieler wird Before the Storm zu wenig Action bieten und objektiv lassen sich einige Mängel nicht bestreiten, aber abgesehen davon ist das Spiel so eigen und fesselnd wie die erste Staffel. Wer die vorherigen Episoden von Life is Strange mochte, darf der Endwertung gerne noch ein paar Pünktchen hinzuaddieren.

Wertung:

8.0

Jeremiah David meint:

"Wer Life is Strange mochte, wird auch Before the Storm mögen."
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Gut
Technik: Durchschnittlich

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4 Kommentare:


mega
vor 2 Jahren | 0
Mit nur 3 Episoden leider etwas zu kurz, allerdings scheint es so als würde man "Before the Storm" noch mit einem Nachfolger bedenken.

Ich persönlich finde die Wortgefechte besser als die Rückspuloption des erszen Teils. Auch wirkt Chloe als Hauptcharakter deutlich interessanter als Max. Auch wenn es etwas mehr Action hätte sein dürfen, Atmosphärisch ist es überaus gelungen. Für mich ein klein wenig besser als das Original.

Samus_Aran
vor 2 Jahren | 1
Im Frühjahr soll es noch eine Bonus-Episode geben, die eine Brücke zum Hauptspiel schlägt. Dort wird dann auch Max wieder mit dabei sein.
JoWe
vor 2 Jahren | 0
Ist diese Bonusepisode nicht den "Deluxe-Edition"-Käufern vorbehalten?


Vader
vor 2 Jahren | 0
Finde es bisher ganz ok, bin die zweite episode ziemlich am Anfang am spielen, jedoch fehlt mir da die gefühlsachterbahn so wie es bei LiS war.
Aber es ist zu empfehlen wenn man den ersten teil mochte :-)