Test: Crawl

Von Lars Peterke am 16. Dezember 2017

Partyspiele sind in der Regel eher seicht und zugänglich. Crawl ist das genaue Gegenteil -  und trotzdem ein Partyspiel. Damit ist der Indie-Titel der zwei Entwickler von Powerhoof zwar sehr schwierig einzuordnen, aber mindestens genauso spannend. Unser Test beleuchtet Crawls Glanzmomente, Ecken und Kanten.

Alle gegen alle und alle gegen einen

Auch wenn der Name es vermuten lässt, ist Crawl keineswegs ein Dungeoncrawler. Zwar lässt sich der Titel optisch von diesem Subgenre inspirieren, präsentiert sich spielerisch aber eher als Brawler mit Roguelike-Elementen. Scheitern als Chance also.

Gespielt wird Crawl immer zu viert. Ein Spieler schlüpft in die Figur des Helden, während alle übrigen Spieler die Rolle von rastlosen Seelen einnehmen und als Geister umherirren. Sind keine drei Freunde zur Hand, füllt das Spiel leere Slots mit Bots auf. Daher lässt sich Crawl auch ohne Probleme alleine spielen.

Das Spielziel ist simpel: der Held muss sich Ebene für Ebene durch den zufällig generierten Dungeon kämpfen. Dabei plättet er Gegner, um Erfahrungspunkte zu sammeln und Level aufzusteigen. Hat der Spieler das zehnte Level erreicht, kann er ein Portal zum Dungeon-Boss durchschreiten.

Die drei verbleibenden Spieler versuchen gemeinsam genau dies zu verhindern. Sie können in ihrer Rolle als Geist in so ziemlich jede Falle und jeden Gegenstand innerhalb des Dungeons schlüpfen, um diese auf den Helden zu scheuchen. Noch besser wird es, wenn der Held einen Raum mit Pentagrammen auf dem Boden betritt. Dann kann ein Geist auf einem Pentagramm ein Monster beschwören und es anschließend steuern, um den Spieler zu vermöbeln. Hier hört die Hilfsbereitschaft der Spieler untereinander allerdings auch auf. Denn nur der Geist, der es mit seiner Falle oder seinem Monster schafft, dem Helden den Todesstoss zu versetzen, wird dafür mit der eigenen Auferstehung als neuer Held belohnt.

Schafft es einer der Spieler als Held zum Dungeon-Boss, können die übrigen Spieler allesamt in eines der diversen Körperteile des Bosses schlüpfen und dann probieren, den Helden ins Jenseits zu prügeln. Da die Bosse aber meist eher träge sind, sind Absprachen und gutes Timing wichtig. Gelingt es einem der Helden auch beim vierten Versuch nicht, den Boss zu besiegen, ist die Runde vorbei und keiner der Teilnehmer steigt als Sieger aus den Katakomben empor.

Gewolltes Chaos mit kleineren Mängeln im Balancing

Crawl liegt spielerisch also irgendwo zwischen Bomberman, Zelda und Gauntlet. Es kann demnach sehr chaotisch werden. Nicht nur auf Grund des Gameplays, sondern weil die Zusammensetzung der Teams sich teilweise im Sekundentakt ändert. Vom Spielgefühl gleicht Crawl also einer Runde Mario Kart, bei der Bananen und Stachi-Panzer die einzigen verfügbaren Items sind. Das kann man lieben oder hassen. Hitziges Geschreie bei den Couchduellen Schulter an Schulter sind aber in jedem Fall vorprogrammiert.

Das Balancing von Crawl ist über weite Teile gelungen. Während der Held auf jeder Ebene eines Dungeons diverse Waffen und Items kaufen kann, erhalten die Geister insbesondere bei der Vernichtung eines ihrer Monster Hass. Hass ist das Equivalent zu den Erfahrungspunkten des Helden und wird nach jeder Dungeon-Ebene dafür verwendet die eigenen Monster weiterzuentwickeln. Dabei kontrolliert jeder Geist drei verschiedene Monster, für die es pro Entwicklungsstufe jeweils zwei Monster zur Auswahl gibt. So kommt das Spiel auf knapp über 60 Monster, die sich aber innerhalb ihres Levels nicht unbedingt gleich mächtig anfühlen. Hier tun sich kleine Ungereimtheiten auf.

Wie aus einem Guss ist hingegen die Präsentation von Crawl. Ungemein aufwendige Animationen lassen den Titel in Pixel-Optik glänzen. Auch der Soundtrack und die Synchronstimme des Narrators passen wie die Faust aufs Auge, sodass der Titel sich sogar mit wuchtigen Indie-Titeln wie Hyper Light Drifter messen kann. Dazu zählen wir auch die Steuerung, die auf den Punkt genau feinjustiert wurde und somit ohne Probleme mit dem schnellen Gameplay mithalten kann. Ganz im Gegensatz zu den Spielern, denn Crawl ist ungemein wuselig. Hier bedarf es einiger Eingewöhnungszeit, für die man schlussendlich aber mehr als entschädigt wird.

Fazit:

Crawl ist die AAA-Hardcore-Variante eines Partyspiels für Spieler mit einem dafür geeigneten Nervenkostüm. Zwar gibt es kleinere Ungereimtheiten im Balancing, diese werden aber durch die lupenreine Präsentation in Retro-Pixel-Optik, dem sehr gelungenen Soundtrack und der perfekten Spielbarkeit locker wieder wettgemacht. Was bleibt ist ein besonderer Titel mit viel Tiefgang, der mit seinem Konzept wohl aber nicht jedermanns Geschmack treffen wird und dessen Spielspaß in der Solo-Variante relativ schnell abnimmt. Wer hingegen regelmäßig mit drei geduldigen Freunden vor der Switch sitzt und sich einmal richtig schön an einem Spiel festbeißen möchte, der sollte Crawl unbedingt ausprobieren.

Wertung:

8.0

Lars Peterke meint:

"Außergewöhnlicher und spaßiger Multiplayer-Titel mit Anspruch. Solisten bleiben leider etwas auf der Strecke."
Spielerlebnis: Gut
Umfang: Sehr gut
Technik: Herausragend

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