Test: Teslagrad

Von Tim Herrmann am 05. Dezember 2017

Ein intelligentes, kleines Puzzle-Spiel: Das ist Teslagrad. Zum Switch-Launch haben wir einen Test für euch.

Herzlichen Glückwunsch. Ihr lest diesen Test. Das bedeutet, dass ihr im Besitz eines elektronischen Endgeräts seid, das mit Hilfe elektrischer Energie auf das Internet zugreift. Dafür geht an dieser Stelle unser herzlicher Dank an Nikola Tesla. Der 1856 in Südosteuropa geborene Physiker und Elektroingenieur hat mit seinem Lebenswerk viel dazu beigetragen, dass wir heute Strom transformieren und in jeden Haushalt leiten können. Tesla, der auch bei Universalerfinder Thomas Edison in New York gelernt hat, hat außerdem großen Anteil daran, dass wir wissen, wie elektromagnetische Kräfte wirken. Mit Teslagrad widmet der norwegische Indie-Entwickler Rain Games zumindest dem Namen des Genies ein intelligentes, kleines Rätselspiel.

Ein hoher Turm voller Rätsel

Teslagrad erzählt seine Geschichte ganz ohne Worte. Und erzählt dadurch eigentlich gar keine Geschichte. Ihr begleitet und steuert einen kleinen Jungen, der Nikola Tesla frappierend ähnelt. Auf der Flucht vor unbekannten Verfolgern rettet er sich aus irgendeinem Grund in einen riesigen Turm. In diesem Turm, dem Teslatower, schlummern nicht nur Schicksale längst verwelkter Völker, sondern vor allem allerhand Rätsel.

Wollt ihr neue Wege erschließen und im Spiel weiterkommen, müsst ihr den richtigen Weg erst einmal finden. Von einer riesigen, zentralen Hauptkammer aus gehen verschiedene Pfade ab, die meist noch ineinander verschlungen sind und den Spieler auch schonmal orientierungslos im Kreis laufen lassen. Denn vorgegeben ist der richtige Weg zur Spitze des Teslatowers nicht. Jeder Raum besteht aus einem kleineren oder größeren Rätsel, gespickt mit Mechanismen, die der kleine Tesla intelligent bedienen muss, um den nächsten Raum zu erreichen.

Im Zentrum der Spielmechanik stehen magnetische Kräfte. Überall findet ihr blaue oder rote Blöcke oder Strahlen, die eine entsprechende Magnetisierung darstellen (die Entwickler haben offenbar verdrängt, dass jeder Magnet eigentlich zwei Pole haben muss). Sie helfen euch durch Anziehungs- oder Abstoßungskräfte dabei, Abgründe zu überwinden, Gegenstände zu bewegen oder Wege zu öffnen. Um diese Mechanismen richtig zu bedienen, findet ihr im Spielverlauf die notwendigen Items: Magnethandschuhe, um Eisenblöcke manuell zu magnetisieren; Schuhe, die euch kurz in einen Elektroblitz verwandeln und durch Hindernisse hindurchreisen lassen; oder ein Cape, das die Spielfigur automatisch magnetisiert. Klar: Mit jedem neuen Item bringen die Entwickler auch einen neuen Kniff in die Rätsel – und das in sehr angenehmer Taktung.

Jump & Run & Puzzle

Die kleinen Denkaufgaben von Teslagrad sind durchaus intelligent arrangiert und angenehm knifflig – wären da nur nicht das angedeutete Jump & Run-Gameplay und die übermotivierte Physik-Engine, die das Konzept ärgerlich schwammig machen. Im Hintergrund berechnet das Spiel permanent, wie die (naturgemäß unsichtbaren) Magnetkräfte wirken müssten – und das sehr genau. Das ist einerseits natürlich positiv, weil das Rätsel-Gameplay dadurch auch noch eine Geschicklichkeitskomponente bekommt. Andererseits kann es aber auch fürchterlich lästig sein, wenn man das Rätsel inhaltlich längst geknackt hat, aber wegen irgendeiner schwammigen Magnetmechanik doch ständig wieder in den Abgrund fällt. Physikalisch mag das alles korrekt oder zumindest vage nachvollziehbar sein, aber dem Spielfluss ist es dennoch nicht zuträglich. Im Gegenteil.

Der Tod ist in Teslagrad ein Dauergeselle. Jeder Fehltritt kostet das kleine Spielmännchen das Leben und versetzt es innerhalb zweier Sekunden wieder an den Anfang eines Raums oder einen Checkpoint zurück. Bereits erledigte Rätselabschnitte müsst ihr so immer und immer wieder durchlaufen, bis ihr zur kniffligen Stelle gelangt – auch wenn ihr nur auf dem Rückweg seid. Das kann auch schonmal beinhalten, bei jedem neuen Versuch einige Sekunden auf irgendeinen Mechanismus zu warten, etwa einen Magnetstrahl, der euch von einem zum anderen Ende des Raums transportiert, wo es im Rätsel weitergeht. Bei bis zu 40, 50 nötigen Versuchen pro Raum kann das sehr lästig werden. Von den Bossen ganz zu schweigen: Das Verhaltensmuster der Großgegner ist bei jedem Anlauf gleich. Schritt für Schritt, Tod für Tod muss man sie langsam entlarven und dabei zigmal alles von vorn wiederholen. Ansonsten gibt Teslagrad sich aber Mühe, die einzelnen Räume und damit Rätselabschnitte so knapp wie möglich zu halten.

Nicht falsch verstehen: Der Schwierigkeitsgrad ist hier nicht das Problem; man weiß eigentlich genau, wie es geht. Aber es geht einfach nicht so, wie man es will. Deswegen muss man es immer und immer wieder probieren. Bis es geht. Das nennt man Trial & Error. Und das ist eine ärgerliche Macke im Spieldesign.

Liebevolle Aufmachung

Eine große Stärke des kleinen Indie-Spiels ist zweifellos seine künstlerische Aufmachung. Die 2D-Grafiken im bunten Comic-Stil sind schön anzusehen und liebevoll animiert. Beeindruckende Licht- und Leuchteffekte zaubern eine wohlige Stimmung auf den Bildschirm - das gilt auch für die Nintendo Switch-Version. Sehr gut gelungen ist zudem auch die Integration von Nintendos HD-Vibration. Auch die Musik kann überzeugen, indem sie sich an den richtigen Stellen gezielt zurücknimmt und dunklem Grollen oder knirschenden Effekten die Bühne überlässt. Auffällig ist es nur, wenn man an besonders kniffligen Stellen – zum Beispiel bei Bossen - ständig wieder den Beginn des gleichen Musikstücks hört, wenn man neu beginnt; und das über Minuten hinweg.

FAZIT:

Teslagrad ist klein, aber fein. Mit seinen intelligent verknüpften Rätselräumen hält der Titel seine Spieler angenehm auf Trab, erweitert sich in einem guten Takt um neue Mechaniken und kniffligere Kopfnüsse. Die Freude über die Rätsellösungen verblasst aber oft vor frustrierendem Geschicklichkeitsgameplay, das beim Vorankommen hindert und wegen seiner technokratischen Physik-Engine unangenehmen Trial & Error-Charakter hat. Ihr werdet hunderte Tode sterben müssen, um Teslagrad zu meistern. Übrig bleibt also ein künstlerisch schön gestaltetes, inhaltlich abgerundetes, aber spielerisch nicht optimal abgeschmecktes Indie-Spiel, das Geschicklichkeits- mit Rätsel- und Jump & Run-Elementen verbindet. Wer oft und gern mit vertrackten Geduldsspielen Fingerspitzengefühl beweist und es geradezu liebt, sich mühsam mit 50 Anläufen zum Ziel durchzubeißen, ist bei Teslagrad genau richtig. Alle anderen können sich immerhin an den vielen gelungenen Aspekten des Spiels erfreuen, wenn sie einigermaßen frustresistent sind.

Wertung:

7.5

Tim Herrmann meint:

"Teslagrad ist intelligent, niedlich und schön, reißt den Spieler aber manchmal unangenehm aus dem Fluss."
Spielerlebnis: Gut
Umfang: Gut
Technik: Sehr gut

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