Test: Need for Speed: Payback

Von Nico Zurheide am 22. November 2017

,,Mist! Wenn man nicht gewinnt, verliert man.''

Diese und andere Weisheiten halten Tyler, Mac und Jess, die drei Protagonisten des neuen Rennspiels aus dem Hause Ghost Games, für die Geschwindigkeitsfanatiker unter uns Spielern großzügig bereit. Neben den drei Prototypen für coole Rennfahrer in den Augen eines Zwölfjährigen sprechen allerdings auch alle anderen Bewohner von Fortune Valley auf diese leicht grenzdebile Art. Jeder, wirklich jeder Dialog der Kampagne besteht quasi nur aus pseudo-hippen Sprüchen, ungewollt komischer Idiotie und vermeintlich schlagfertigen Antworten auf leeres Phrasengedresche. Normalerweise würde ich ein Review nicht mit so einem Thema beginnen oder mich ausgiebig darüber auslassen. Need for Speed: Payback rückt die an „Fast & Furious“ angelehnte Story aber stark in den Mittelpunkt und so musste ich diese Art der Gespräche stundenlang über mich ergehen lassen. So in einem Text beschrieben mag das zwar noch ganz lustig wirken, beim Spielen wird aber irgendwann selbst der hartgesottenste Vin-Diesel-Fanboy am Verstand der Drehbuchautoren zweifeln und zum Mute-Knopf greifen.

„Mittags ist der Tag nicht halb vorbei, sondern halb voll“

Auch abseits der Cutscenes kommentiert das Fahrertrio verschiedene Aktionen oder die Umwelt stets stilsicher. Oft haben die Sätze für das eigentliche Gameplay zwar keinen Belang, etwa die drei Floskeln zu den Tageszeiten morgens, mittags und abends, die während des Spiels beliebig oft wiederholt werden. Dafür verstecken sich an anderer Stelle wertvolle Tipps, vor allem auch für die jüngeren Spieler. Ein „Zum Glück bin ich angeschnallt!“ nach Frontalcrash gegen eine Betonwand mit 250 Sachen verbuche ich mal großzügig unter der Kategorie „lehrreich“.

Die Story der etwa 20-stündigen Kampagne passt sich nahtlos an die Qualität der Dialoge an und dreht sich um einen Verrat, das allmächtige „House“ und eine kleine Crew, die auf Rache sinnt. Unsere Hauptfigur Tyler Morgan (EAs Vorstellung des typischen EA-Fans) wird bei einem Coup von der House-Mitarbeiterin Lina Navarro (immer scheiternde Antagonistin) hintergangen und muss mit seinen Freunden Mac (der hohle Brite) und Jess (die toughe Frau) ganz unten wieder anfangen. Zusammen mit dem Mechaniker Rav (der beste Schrauber der Stadt) arbeiten sie an ihrem großen Ziel: dem Outlaw Rush. Mit dem Gewinn dieses legendären Rennens können sie das House zu Fall bringen und Fortune Valley zu den guten alten Tagen der freien Straßenligen zurückkehren. Warum das House, eine Mafia-ähnliche Organisation mit Einfluss in sämtliche Geschäfte der Stadt, Zugang zu modernster Technologie und quasi ungehindeter Kontrolle über die hiesige Polizei wegen des Sieges eines Underdogs in diesem einen Rennen zerfällt? Nun, es ist einfach so. Andererseits lassen sich in der Need-for-Speed-Welt seit jeher sämtliche Probleme mit Straßenrennen lösen.

Arcade-Action auf vier Rädern

Um diese geht es trotz des großen Story-Anteils in dem Rennspiel glücklicherweise hauptsächlich. In fünf verschiedenen Renntypen müssen sich Tyler und seine Crew beweisen, um zum Outlaw Rush zu kommen: klassische Rennen, Drag, Offroad, Drift und Verfolgungsjagden. Verfolgung? Ja, was in früheren NfS-Ablegern noch zum ganz normalen Herumfahren gehörte, existiert nun beinahe ausschließlich in einer eigenen Kategorie. Wir können bei der freien Fahrt noch so viele Autos und Laternen in Grund und Boden fahren, die Polizei interessiert sich einfach nicht dafür. Schade, denn die Verfolgungsjagden besitzen durchaus einen hohen Spaßfaktor und sind, wie in Most Wanted aus 2005, sogar auf unterschiedliche Fahndungsstufen ausgelegt (Streifenwagen, Straßensperren, Nagelbänder, schwere Fahrzeuge, EMP-Technik, Hubschrauber) - auch wenn es diese Fahndungsstufen hier nicht gibt.

In Drag-Rennen geht es um die perfekte manuelle Schaltung und den richtigen Einsatz von Nitro, beim Drift muss der Experte Mac auf kurvenreichen Strecken möglichst viele Punkte durch Drifts einfahren und die Offroad-Events finden namensgetreu neben den asphaltierten Straßen statt. Hier kann ich den ersten von zwei großen Pluspunkten verteilen. Die Arcade-Action funktioniert solide und bietet eben genau das, was jeder von einem Need for Speed erwartet. Nicht mehr und nicht weniger. An wirklich großartige Vertreter des Genres, wie Dirt Rally oder Burnout Paradise, reicht das Gameplay allerdings nicht heran. Ich könnte einen Streifen Klebeband nehmen, den rechten Trigger fürs Gasgeben voll durchdrücken und ihn dann fixieren. Wenn ich anschließend noch gescheit lenke und die Handbremse richtig nutze, gelingt jedes Rennen ohne größere Probleme. Sollte allerdings doch mal ein grober Fehler passieren, kann der vor allem gegen Ende eines Rennens den Sieg kosten. Ein übertrieben starker "Gummiband"-Effekt tritt aber nicht auf: Habe ich einmal genügend Vorsprung, gelingt der Sieg auch trotz eines harten Crashes auf der Zielgeraden, andererseits hänge ich die KI regelrecht ab, wenn ich mit einem überlegenen Auto perfekt fahre.

Neben den normalen Straßenrennen gibt es auch noch einige wenige „Blockbuster-Missionen“. In diesen durchinszenierten Action-Sequenzen spielt ihr abwechselnd Tyler, Mac und Jess und treibt die Story vorwärts ins nächste langweilige Kapitel. Erwähnenswert ist hier die Einführung einer speziellen Waffe der Polizei, mit der die korrupten Gesetzeshüter den Motor eures Wagens kurzzeitig abschalten können. Abseits dieses Gameplay-Features sind die im Vorfeld so intensiv beworbenen Blockbuster-Missionen aber nicht weiter interessant.

Den zweiten großen Pluspunkt stellt der Abwechslungsreichtum der Spielwelt dar. Mit einer großen Stadt im Süden und kleineren Orten in einem Umland aus Wüstengebieten, bergigen Canyons und bewaldeten Küsten erinnert Fortune Valley stark an Grand Theft Auto V. Das Straßennetz aus Highways, größeren und kleineren Pisten und Offroad-Strecken bietet genügend Kilometer für jeden Renntypen und überzeugt immer wieder mit spektakulären Szenerien. Im Gegensatz zum Megaerfolg aus dem Hause Rockstar trifft man auf den Straßen jedoch ausschließlich Autos und davon nichtmal besonders viele. Selbst die große City wirkt stellenweise wie ausgestorben, dabei macht das Verkehrsaufkommen doch gerade den Reiz von Stadtrennen aus.

Ist die große Open World denn wenigstens reichlich mit Aktivitäten gefüllt? Eigentlich schon. Eigentlich. Denn die meisten Herausforderungen, die im Vorbeifahren erledigt werden wollen, reizen den Erkundungsdrang nicht wirklich und sind zudem unkreativ platziert. Fahrt ihr auf Serpentinen zu, könnt ihr euch sicher sein, dass davor eine Drift-Challenge auf euch wartet. Zudem wirkt sich das Abschließen dieser Aktivitäten mit Ausnahme einiger optischer Teile beim Tuning nicht auf das sonstige Spiel aus, diese Teile schaltet ihr aber beim regulären Durchspielen ohne Probleme frei. Daneben gibt es noch 30 Reklametafeln, durch die ihr mit eurer Karre springen müsst (natürlich nur jene Schilder ohne Werbung realer Firmen), 100 mehr oder weniger gut versteckte Münzen, die aber nichts weiter als etwas Geld bringen und Wrackteile einiger legendärer Autos, die sich zu Supercars ausbauen lassen. Das Gameplay abseits der Rennen beschränkt sich also weitestgehend auf die Schnellreise zu Garagen, Tankstellen oder Tuning-Shops und die anschließende Anfahrt zum Ort des eigentlichen Geschehens.

Immerhin: Wer möchte, kann etliche Stunden ins Tuning der fetten Karren stecken. Hier bieten sich zahlreiche und detaillierte Optionen, die Karosserie nach den eigenen Wünschen umzubauen und dann mit quasi endlosen Möglichkeiten zu bepinseln. Hier hat Ghost Games ganze Arbeit geleistet, zumal ein ganzer Haufen lizenzierter Edelschlitten im Spiel zur Verfügung steht. Blöderweise lässt sich das Aufwerten der Leistung der Autos nicht in der eigenen Garage erledigen, denn dafür stehen extra Tuning-Shops bereit. Das Verbessern der Power geschieht hier über Leistungskarten in sechs Kategorien, die je nach Level und Zusatzeffekten verschiedene Boni bereithalten. Jeder Shop hält allerdings nur eine kleine Anzahl Karten bereit, die in bestimmten Zeitintervallen getauscht werden. Wollt ihr eine bestimmte Karte kaufen, ist dies nur nach dem Zufallsprinzip möglich, wobei zwei von drei Kategorien (Teil, Hersteller, Bonus) rein zufällig gewählt werden. Ein Auto auf diese Art gezielt zu verbessern erfordert also das entsprechende Kleingeld, das vor allem zu Anfang des Spiels noch sehr knapp ausfällt.

Publisher: EA. Da war doch was?

Leistungskarten erhaltet ihr außerdem nach jedem gewonnenen Event oder indem ihr Teile-Tokens eintauscht, die ihr in Lieferungen erhaltet. Basis-Lieferungen erhaltet ihr im Verlauf des Spiels, Premium-Lieferungen müssen mit Echtgeld erkauft werden. Zeit für einen Shitstorm also? Nicht unbedingt. Die Lieferungen enthalten zwar Tokens und Ingame-Währung, ansonsten jedoch nur optische Spielereien wie farbigen Reifenqualm oder Neon-Beleuchtung. Ihr seid also nicht gezwungen, die Brieftasche zu öffnen. Beim Durchspielen verbrachte ich etwa zwei Stunden damit, alte Rennen noch einmal zu fahren, um Leistungskarten zu bekommen. Selbst mit dem optischen Tuning verbrachte ich mehr Zeit - von aufgezwungenen Microtransactions kann hier also keine Rede sein. Trotzdem veränderte Ghost Games das Level-Up-System dahingehend, dass gewonnene Rennen und Events nun mehr Geld einbringen. Viele Spieler und Tester hatten sich beschwert, dass entweder zahllose Wiederholungen alter Rennen oder der Kauf von Lootboxen zum Weiterkommen nötig sind. Ich kann die Beschwerden zwar nachvollziehen, sah mich dem Problem jedoch wie beschrieben nicht ausgesetzt. Das Spiel habe ich übrigens auf dem mittleren von drei Schwierigkeitsgraden abgeschlossen.

Auf der technischen Seite gibt es klare Punktabzüge, denn so schön die Spielwelt auch sein mag, die Entwickler leisteten sich einige grobe Schnitzer. Durch die vielen kleinen Herausforderungen ist der Bildschirm permanent mit irgendwelchen unwichtigen Anzeigen zugekleistert, die einen auf die gerade verpasste Challenge hinweisen. Einen Radiosender gibt es zwar, dieser spielt allerdings ausschließlich Rock und Hip Hop und nach etwa einer Stunde wiederholt sich die Playlist bereits, eine Möglichkeit zur Auswahl der gespielten Musik gibt es nicht. Neben einigen kleinen Grafikfehlern, die nicht unbedingt stören, fallen vor allem die langen Ladezeiten negativ auf. Das wird besonders dadurch verstärkt, dass vor jedem einzelnen Rennen erst ein Ladebildschirm erscheint, dann eine Cutscene, dann ein Ladebildschirm, dann eine Nebenwette, dann ein Ladebildschirm, und dann geht es endlich mit der Raserei los. Startet ihr das Rennen aufgrund eines derben Fehlers neu, müsst ihr die ganze Prozedur noch einmal über euch ergehen lassen. Beim Nutzen der Schnellstart-Funktion der Xbox One kam es darüber hinaus zu ständigen und sekundenlangen Standbildern, abwechselnd mit langen Passagen in Zeitlupe, die so nicht gewollt sein können. Diese Bugs erforderten stets einen Neustart des Spiels.

Fazit:

Es scheint so, als wisse Ghost Games selbst nicht so wirklich, in welche Richtung man mit der langjährigen Serie gehen möchte. Der Fokus in Payback liegt zwar klar auf der Story à la Fast & Furious, die mit unwichtigen Nebenaufgaben vollgestopfte Open World zerrt das Spiel aber wieder in eine andere Richtung. Klar ist: Sollte die Story noch weiter in den Mittelpunkt rücken, sollten sich dringend Schreiber an die Serie setzen, die nicht gerade erst die Grundschule verlassen haben. Das Racer-Gameplay funktioniert zwar, bleibt jedoch unspektakulär und kann anderen Genre-Vertretern nicht den Rang ablaufen. Dazu gibt es einige technische Unsauberheiten, grobe und unerklärliche Designfehler und Lootboxen, die bei einigen Spielern einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen könnten. Wer einfach nur ein wenig Arcade-Racer-Action haben möchte, sollte mit einem Spiel vorlieb nehmen, das einen nicht mit permanenter Hirnlosigkeit zuballert.

Wertung:

5.5

Nico Zurheide meint:

"Need for Speed: Payback ist der Inbegriff der Mittelmäßigkeit, verliert sich dabei aber in einer belanglosen Story und grenzdebilen Dialogen."
Spielerlebnis: Durchschnittlich
Umfang: Durchschnittlich
Technik: Mangelhaft

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2 Kommentare:


Tobsen
vor 1 Jahr | 0
Sauberes Review! I like me some Verrisse in my life! lol

Ramy
vor 1 Jahr | 3
Seeehr unterhaltsam! Also das Review, nicht das Spiel! ;)