Test: Assassin's Creed Origins

Von Tim Herrmann am 13. November 2017

Der zehnte Teil einer Serie zu sein, ist fast nie gut; auch für Assassin's Creed sah es fast nach Absetzung aus. Doch Assassin's Creed Origins kriegt nochmal die Kurve.

Zehn Jahre ist der Release von Assassin’s Creed nun schon her, und zehn Assassin’s-Creed-Hauptspiele. Seitdem steht der Erstling symbolisch für eine Spieleserie, in der großes Potenzial steckt, die aber auch immer wieder mal enttäuscht hat. Zuletzt sah es so aus, als laufe Ubisoft Gefahr, Assassin’s Creed langsam zu verbrennen, mit irgendwie nicht ganz fertigen Spielen, die bombastisch schienen, aber dann doch schnell langweilig wurden. Nach einjähriger Pause ist das neue Assassin’s Creed Origins zwar nicht die ganz große Neuerfindung, macht aber vieles besser als seine Vorgänger.

Das römisch-griechische Ägypten der Ptolemäer

Wer Fans fragt, was sie an Assassin’s Creed am meisten mögen, hört wohl meist: Erkundung, Klettern, eine große, glaubwürdige Spielwelt. Auf ihr liegt auch diesmal der Fokus: Nach der Renaissance, der Französischen Revolution oder der Viktorianischen Ära erkundet ihr diesmal das Antike Ägypten. Damit ist Origins zwar, passend zum Namen, das früheste Assassin’s Creed-Spiel, aber beileibe nicht am Anfang des Menschengedenkens angelangt. Schließlich waren die großen Pyramiden zur Zeit des Spiels (etwa 30 vor Christus) schon gut 2.000 Jahre alt.

Historisch begleitet das Spiel eine spannende Epoche, nämlich den Niedergang der Herrschaft der Ptolemäer und die Übernahme der Macht in Ägypten durch das Römische Reich – maßgeblich verkörpert durch Kleopatra VII. und Julius Cäsar. Nach und nach wird Protagonist Bayek in die Geschehnisse hineingezogen und spielt seine eigene, fiktive Rolle darin.

Nicht nur Klischee-Ägypten

Mit einem klassischen Klischee-Ägypten bekommt ihr es dabei nicht zu tun. Denn Ubisoft orientiert sich wie üblich nah an der Historie und bildet die vielfältigen griechischen und römischen Einflüsse, die man im Ägypten um das Jahr 30 v. Chr. fand, akkurat ab. Vor allem Städte wie das hellenisch geprägte Alexandria (gegründet vom Eroberer Alexander dem Großen) fühlen sich dabei erstmal unerwartet europäisch an, geradezu „unägyptisch“.

Obwohl sie sich der ganz großen „Walk like an Egyptian“-Klischeeshow verwehren, haben die Entwickler das ägyptische Flair mit Pyramiden, Pharaonen und Mumien dennoch gut ins Spiel gewoben. Bei der Platzierung der berühmtesten Sehenswürdigkeiten wie der Pyramiden von Gizeh (übrigens akribisch genau nachkonstruiert) tricksen sie natürlich geografisch. Trotzdem ist die Darstellung der Spielwelt ausgezeichnet gelungen. Städte wie Alexandria und Memphis oder die monumentalen Pyramiden waren Glanzstücke der Antike und passen perfekt zu Assassin’s Creed. Es fühlt sich toll an, sie zu erkunden und zu erklimmen. Vor allem, weil das Klettern jetzt noch unkomplizierter, noch flüssiger ist, quasi jede Fassade ist erklimmbar.

Die riesige, ladezeitenfreie Spielwelt von Origins besteht daneben zu wesentlichen Teilen aus Wüsten, kleinen Oasen oder naturbelassenen Landstrichen, die angenehm ineinander übergehen und für optische und spielerische Abwechslung sorgen. Während ihr in den Städten klassische Assassin’s Creed-Missionen absolviert, geht es in der Wildnis eher darum, Ressourcen zu sammeln, Objekte zu craften, Verstecke zu finden oder zu jagen. Die serientypischen Aussichtspunkte gibt es zwar noch, die Karte für jede Region wird aber schon aufgedeckt, sobald Bayek eine Region betritt. Die Synchronisation der Aussichtspunkte blendet für die coole neue Adlerperspektive Sammelobjekte oder Points of Interest ein.

Assassin’s Creed – das Rollenspiel

Die Spielwelt dieses neuen Assassinenabenteuers ist die größte, die die Serie bislang hervorgebracht hat; und wahrscheinlich auch die beste. Anders als in manchem anderen Titel der Reihe ist sie von Beginn an frei begehbar, ohne dass man erst der Story folgen müsste. Dennoch führt das Spiel recht linear hindurch. Denn Assassin’s Creed Origins wählt einen neuen Gameplay-Ansatz mit vielen Rollenspielelementen, die ein stärker gelenktes Spielerlebnis zur Folge haben.

Für jede Mission, jeden erfolgreichen Kampf erhält Protagonist Bayek Erfahrungspunkte und steigt in der Stufe auf. Eine höhere Stufe gibt ihm neue Fähigkeiten aus einem verästelten Fähigkeitenbaum, macht ihn aber vor allem stärker und zäher. Erst ordentlich hochgepowert hat Bayek also eine Chance gegen starke Gegner. Die scheinbar freie Erkundung der scheinbar offenen Welt stellt euch manchmal also vor ganz profane Machbarkeitsprobleme: Stufe 30-Gegner lassen sich mit Stufe 10 halt kaum besiegen. Auch Missionen müsst ihr wohl oder übel manchmal zurückstellen, weil sie zu hart sind.

Das ist ungewöhnlich für Assassin’s Creed. Normalerweise hat die Serie dem Spieler mit nahezu allmächtigen Assassinen nie ernsthaftes Training und Grinding abverlangt. Die lautlosen Killer besiegten durch geschicktes Anschleichen eigentlich jeden Gegner mit einem Streich. Das ist jetzt so nicht mehr möglich.

Zwar schleicht Bayek immer noch viel umher, kann Kämpfen aber nicht immer aus dem Weg gehen. Schon nach kurzem Sichtkontakt greifen Feinde an, dann setzt das neue Kampfsystem ein. Für Serienkenner fühlt es sich äußerst ungewohnt an. Die Angriffe verlagern sich maßgeblich auf die Schultertasten. Mit leichten und schweren Attacken malträtiert ihr die Gegner, während ihr euch mit einem Schild verteidigt, kontert oder ausweicht.

Die bedeutendste Neuerung des Kampfsystems entsteht aus dem Waffenmanagement. Bayek kann eine Vielzahl von Waffen tragen, die er im Spielverlauf sammelt: Speere, Keulen, Schwerter, Äxte, daneben auch diverse Bogenvarianten als Fernwaffen. Jede hat RPG-typisch eigene Statuswerte und kann erst ab einer bestimmten Stufe geführt werden. Damit verhindert das Spiel, was The Legend of Zelda – Breath of the Wild eigentlich so genial hinbekommen hat; dass der Spieler nämlich theoretisch zu jedem Zeitpunkt jede Aufgabe lösen könnte. Das macht das Spiel starrer, als es sein müsste.

In Kämpfen seid ihr gut beraten, euer Arsenal dynamisch zu wechseln, um es dem Feind und seinen Schwächen anzupassen. Das zu lernen, erfordert einige Zeit – schließlich ging es in Assassin’s Creed in der Vergangenheit eher darum, einfach draufzuhauen und schöne Kombos zu erzielen, wenn das Schleichen mal misslungen war. Jetzt sind die Kämpfe zahlreicher, schneller, irgendwie grobschlächtiger, verlustreicher und tendenziell auch schwieriger. Sie sind weniger schön anzuschauen als die filmreif durchanimierten Finishing-Kombos der Vorgänger, fordern dem Spieler dafür aber auch mehr Können ab.

Alles sehr gut, aber nichts herausragend

Bleibt eine Hauptfrage: Findet Assassin’s Creed mit Origins zu alter Stärke zurück? Ja. Und nein. Zwar ist das Spiel vor allem beim Design seiner Spielwelt wieder zu Ende entwickelt, glattgefeilt und wohldurchdacht. Doch es leidet spielerisch unter ähnlicher Abnutzung wie seine Vorgänger. Es kommt nur langsam in Gang, kann kaum für seinen Protagonisten und seine Geschichte begeistern und ist insgesamt spielerisch nicht innovativ, weil es in seinem Kern mittlerweile so altbekannt und ausgelutscht ist, dass Serienkenner kaum noch überrascht sind. Am Ende geht’s halt immer darum, jemanden umzubringen.

Technisch ist das Spiel solide, aber selten beeindruckend. Die Animationen der Charaktere bleiben meist starr und ausdruckslos, die Farben der Spielwelt mit wenigen Ausnahmen blass. Loben darf man den flüssigen Wechsel zwischen den Schauplätzen, ganz ohne Ladezeiten, und die fantastische Weitsicht sowie die reduziert eingesetzte musikalische Untermalung und die Soundkulisse. Ubisoft hat extra ein Linguistenteam beschäftigt, das eine altägyptische Sprache, die man heute nicht mehr kennt, zu rekonstruieren versucht hat – nur damit man sie in den Straßen hört. Das ist ein schönes Sinnbild: Ubisoft hat sich die Zeit und die Investition gegönnt, um Assassin’s Creed Origins zu einem sehr guten Spiel zu machen, das bis in die Details hinein glänzt. Doch die Entwickler hatten keine Einfälle, um die Reihe so neu zu erfinden, dass man Assassin’s Creed Origins als herausragendes Spiel bezeichnen dürfte.

Fazit:

Mit seiner lebendigen, abwechslungsreichen altägyptischen Spielwelt kredenzen die Entwickler von Ubisoft in diesem zehnten Hauptteil von Assassin’s Creed wieder diverse architektonische und historische Leckerbissen: die Pyramiden, die antike Weltstadt Alexandria zwischen den Zeitaltern, lebendige Wildnis. Tatsächlich steckt in Origins ein Produktionsaufwand und ein Schliff, den die letzten Ableger vermissen ließen. Und doch sei Serienkennern gesagt: Es gibt hier spielerisch nichts wesentlich Neues zu sehen. Zwar bringen das erneuerte Kampfsystem und die Rollenspielelemente neue Impulse. Doch sie können nicht verschleiern, dass im Hintergrund weiterhin ein zehn Jahre altes und zehnmal kopiertes Spielsystem steht, das so langsam ermüdet. Stört euch nicht? Dann ist Assassin’s Creed Origins ein sehr gutes Action-Spiel, an dem es nur wenig auszusetzen gibt.

Wir haben die PS4-Fassung getestet.

Wertung:

8.5

Tim Herrmann meint:

"Assassin’s Creed Origins besticht mit seiner tollen Spielwelt, ist spielerisch aber wenig überraschend."
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Sehr gut
Technik: Sehr gut

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6 Kommentare:


prog4m3r
vor 4 Tagen | 1
Ohhhh, schlechter als Assassin's Creed 3! o.O

nibez
vor 4 Tagen | 2
Assassin's Creed 3? Ich keine kein Assassin's Creed 3. Assassin's Creed 3 hat nie existiert.

Vader
vor 4 Tagen | 0
Mal schauen, hört sich nicht so schlimm an wie ich vermutete^^
Asassins creed 3? Was ist das denn? Meinst du eher Assassdriss Schiet 3?

Venne
vor 4 Tagen | 0
Für mich der beste Teil bisher. Hab alle durch. Technisch absolute Spitze und es macht einfach Spaß Ägypten zu erkunden.

NaIzE
vor 3 Tagen | 0
Ich habe mir letzten Monat erst Assassins Creed - Black Flag günstig auf EBay ersteigert. Stand nämlich bisher noch auf meiner Liste. Der neuste Teil ließt sich echt gut und ich werde den wohl nach Black Flag spielen. Die ganzen anderen Teile interessieren mich dagegen Null.

Okarina der Zeit
vor 2 Tagen | 0
Und ich kriege die Platin Trophy nicht. -.- Hab alle Orte aufgesucht, alle Papyrus alle Elefanten, alle Festungen, alles gesammelt, alle Gräber...