Test: Octodad: Dadliest Catch

Von Nico Zurheide am 10. November 2017

Heute ist dein großer Tag! Die Bänke der Kirche sind voll besetzt, deine angehende Frau steht bereits vor dem Altar, alle warten nur noch auf dich. Du schaust gerade in den Spiegel, als hektisch dein Trauzeuge in den Raum gestürzt kommt. Du musst dich beeilen! Schnell das Hemd in die Hose gestopft, die Krawatte gerichtet und das Jackett übergeworfen. Jetzt aber los! Du betrittst den Saal, alle Augen sind auf die gerichtet. Jetzt bloß nicht unangenehm auffallen. Vorne steht deine baldige Ehefrau, erwartungsvoll, freudig. Vorsichtig, einen Fuß vor den anderen, bahnst du dir deinen Weg zwischen den Reihen eurer Bekannten. Rumms! Mist! Eine Säule des aufgestellten Absperrbandes fällt gegen ihren Nachbarn, ein Dominoeffekt lässt die ganze Reihe kippen. Am besten gehst du einfach weiter und tust so, als sei nichts gewesen. Am Altar angekommen, holst du euren Ehering hervor und wirfst ihn deiner Frau erst einmal ins Gesicht. Kann ja mal passieren! Nächster Versuch... passt! Ihr seid nun verheiratet! Einem ganz gewöhnlichen Familienleben in der Vorstadt steht nun nichts mehr im Wege. Oder?

Acht Arme für ein Halleluja

Eine völlig durchschnittliche Familie ist die, um die es in Octodad geht, nicht. Und der Protagonist ist auch kein ganz normaler Vater. Er ist ein Oktopus. In der Realität dieses Spiels allerdings scheint das niemandem so wirklich aufzufallen. Also führst du dein normales Leben einfach weiter und hoffst, dass alles so bleibt wie bisher. In Octodad muss der Spieler ganz alltägliche Dinge machen: Kaffee kochen, den Garten pflegen, die lieben Kinder umsorgen, sich mit dem Nachbarn herumärgern. Dieser, seines Zeichens Koch von Beruf, scheint der einzige Mensch der Stadt zu sein, der den Kopffüßer in Octodad erkannt hat. Er wittert eine Verschwörung der Meeresbewohner und versucht seit seinem ersten Treffen mit dem Kraken, diesen zur nächsten Vorspeise zu verarbeiten. Um diesen Konflikt dreht sich dann auch die Story des Spiels, das man ohne Eile in nur zwei Stunden abschließen kann. Nach dem sonntäglichen Familienalltag will die holde Ehefrau dem örtlichen Aquarium einen Besuch abstatten. Octodad, sehr wohl um seine Artgenossen in der Einrichtung wissend, wiegelt ab und drängt stattdessen auf die Erledigung der Wocheneinkäufe.

Nach der sehr wahrscheinlichen Verwüstung des Marktes und einem weiteren Aufeinandertreffen mit dem wahnsinnigen Nachbarn geht es auf Drängen der Familie dann aber doch ins Aquarium. In diesem Abschnitt gibt es noch am meisten Variation im Spielablauf, so muss man für die Ehefrau in diversen Minispielen Preise gewinnen, mit der Tochter ein dunkles Labyrinth meistern und dem Sohnemann beim spielerischen Lernen unter die Arme greifen. Die bösen Vorahnungen des Tintenfischs waren jedoch berechtigt, hat der paranoide Koch doch hier seine Falle erfolgreich zuschnappen lassen können. Nach einem kurzen Intermezzo, das das erste Treffen des namenlosen Protagonisten mit seiner späteren Partnerin zeigt, kommt es bereits zum großen Finale.

Instabile Spielfigur als Kernelement

Inhaltlich bietet das Spiel also vergleichsweise wenig, aber warum ist es dann seinerzeit (2014) zu einem kommerziellen Erfolg geworden? Natürlich durch die groteske Komik, die beim Steuern des Weichtieres entsteht. Die beiden Sticks werden verwendet, um den Greiftentakel nach oben, unten und in die Tiefe zu führen, mit den Schultertasten werden die Beine angehoben. Was im ersten Level und teilweise noch im zweiten für große Erheiterung sorgt, nutzt sich dann leider schnell ab und wird zur mühseligen Friemelarbeit. Die Komik des knochenlosen Octodads zeigt ihre Stärken immer dann, wenn die zu bewältigende Aufgabe völlig sinnfrei daherkommt - zum Beispiel einen Kapitänstanz aufführen - und versagt völlig bei Aufgaben wie Holzhacken oder Unkrautjäten. Immerhin: Im Koop-Modus bieten selbst banalste Aufgaben einen gewissen Unterhaltungswert. Hier werden Arme und Beine jeweils den verschiedenen (Joy-Con-)Controllern zugeordnet, entweder nach eigenem Ermessen oder zufällig. Das Chaos ist bei bis zu vier Spielern vorprogrammiert.

Zusätzlich zur kurzen Kampagne, die aus zwölf Abschnitten besteht, gibt es noch zwei Kurzgeschichten mit jeweils etwa zehn Minuten Spielzeit. In jedem dieser vierzehn Level sind drei Krawatten versteckt, die optionale Sammelitems darstellen. Spielinterne Achievements und eine Statistik runden das Paket ab, das trotz dieser Zusätze noch deutlich zu klein ausfällt. Den kleinen Umfang kann auch die Technik nicht retten. Grafisch hat das Spiel natürlich gar keinen großen Anspruch, auch die Kamera lässt sich aufgrund der besonderen Steuerung nicht bewegen, was des Öfteren zu leichten Problemen führen kann.

Fazit:

Ja, Octodad: Dadliest Catch sorgt für einige Lacher. Nein, das Prinzip der Verwüstung durch erschwerte Kontrolle kann kein ganzes Spiel tragen. Insofern ist es sogar ganz zuträglich, dass nach gut zwei Stunden der Spaß auch schon wieder vorbei ist. Solange wird aber wenigstens genügend Abwechslung geboten, um die Spieler bei der Stange zu halten. Wer also nicht unbedingt aufs Kleingeld schaut (momentaner Preis auf Switch: 13,99 Euro), den Titel noch auf keiner der zahlreichen anderen Plattform gespielt hat oder einfach nur ein wenig sinnfreien Spaß "to go" haben möchte, der kann hier bedenkenlos zugreifen. Wer hingegen einfach nur ein gutes Spiel mit Tintenfischen spielen möchte, der sollte bei Splatoon 2 bleiben.

Wertung:

5.0

Nico Zurheide meint:

"Ein gedankenloser Spaß für Zwischendurch - nicht mehr und nicht weniger."
Spielerlebnis: Gut
Umfang: Mangelhaft
Technik: Durchschnittlich

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