Test: Wolfenstein II: The New Colossus

Von Nico Zurheide am 30. Oktober 2017

A mighty woman with a torch, whose flame
 Is the imprisoned lightning, and her name
 Mother of Exiles.

Mit diesem Auszug aus dem Sonett „The New Colossus“ von Emma Lazarus endet die Kampagne von Wolfenstein: The New Order, während Protagonist William B.J. Blazkowicz auf sein sicheres Ende durch eine Atombombe wartet. Bekanntlich wandte sich sein Schicksal zum Besseren, ist er doch im direkten Nachfolger wieder als Hauptfigur mit von der Partie. Nach einem Story-Rückblick beginnt The New Colossus wenige Monate nach dem Ende von The New Order, im Jahre 1961 in den vom Naziregime besetzten USA. Blazkowicz schließt sich schnell einer revolutionären Gruppierung an und schon geht er weiter, der schier endlose Kampf gegen technisch überlegene Nazis.

Gameplay, das keine Wünsche offen lässt

Wie bereits beim Vorgänger hielten sich die Erfinder der Serie, id Software, aus der Entwicklung des Shooters raus und überließen dem schwedischen Studio MachineGames das Feld der alternativen Geschichte. Die Schweden konnten 2014 mit The New Order als dem ersten Spiel des Studios(!) hohe Wertungen einfahren und überzeugten Fachpresse und alte Fans der Serie gleichermaßen von ihren Qualitäten. Doch konnte man die damals gut ineinander greifenden Elemente aus Ego-Shooter, Nahkampf und Cover-Action auch in den Nachfolger integrieren? Die kurze Antwort: Ja! Ob in verwinkelten Gängen oder auf größeren Schlachtfeldern, der Spieler hat jederzeit die volle Kontrolle über Blazkowicz und genügend Aktionen zur Hand, um adäquate Lösungen für jedes gestellte Problem zu finden.

Die Ein-Mann-Armee lässt sich intuitiv, schnell und präzise durch die Level steuern - Grundvoraussetzungen für einen gut funktionierenden Shooter. Mit einem Arsenal aus verschiedenen Waffen, schweren Geschützen, Granaten, ausfahrbaren Stelzen und der Möglichkeit zu lautlosem Nahkampf kann B.J. jeder Spielsituation gut gewappnet entgegensehen, auch wenn die letztendliche Ausführung natürlich immer vom Spieler selbst abhängt. Dazu wurde das im Vorgänger nur sporadisch vorhandene Feature des Akimbo deutlich ausgebaut und erlaubt jetzt für jede Waffe die einhändige Benutzung. Ein Waffenrad pro Hand ermöglicht den fliegenden Waffenwechsel. Darüber hinaus lassen tote Gegner neben Munition auch öfter dicke Zweihandwaffen fallen, die Blazkowicz kurzzeitig benutzen kann. Die Kämpfe bleiben zwar größtenteils auf einem eher niedrigen Schwierigkeitsgrad, durch insgesamt sieben Abstufungen kann sich hier aber jeder Spieler genau seine präferierte Gegenwehr einstellen. Mit diesem Gameplay erfindet MachineGames das Rad freilich nicht neu, auch in The New Order war das alles schon eher alte Kost. „Besser gut geklaut als schlecht selbstgemacht“ trifft hier aber mal wieder den Nagel auf den Kopf.

Jede der zahlreichen Waffen lässt sich außerdem noch mit Verbesserungen aufwerten, die überall gefunden werden können, darunter größere Magazine, Zielfernrohre oder Schalldämpfer. Diese Bauteile und auch Gesundheitspacks und Munition liegen in den Levels verstreut herum, das Anbauen an die verschiedenen Waffen geht dabei im Menü unkompliziert und selbsterklärend von der Hand. Die besuchten Areale sind stets so groß ausgefallen, dass sie eine ausgiebige Erkundung abseits des Hauptpfades forcieren und durch die Sammelitems auch belohnen. Neben den nützlichen Gegenständen lassen sich auch verschiedene, eher lustige Gegenstände finden. Dazu kommen die obligatorischen Notizen und Tagebucheinträge zur Ausschmückung der Hintergrundgeschichte. Der Aufbau der Level hat aber leider auch einen zwanghaften Einfluss auf das Gameplay, indem viele Areale bedauerlicherweise so gestaltet sind, dass sie ein schleichendes Vorgehen nicht unbedingt begünstigen. Zudem existieren im Verlauf der etwa zwölf Stunden langen Kampagne zwar mehrere verschiedene und auch ausgefallene Settings, das Interieur bleibt jedoch immer ähnlich, um den gewohnten Ablauf der Deckungskämpfe nicht zu stark zu unterbrechen.

Auch Ego-Shooter können Story

Wo das nahtlose Gameplay noch ganz klar an die alten Klassiker anknüpft und in einer modernen Variante auf den Bildschirm gezaubert wird, ist die Erzählweise und auch die Tiefe der Geschichte für das Genre gänzlich ungewöhnlich. Das zeichnet sich schon in den ersten Spielminuten ab, die wohl einen der intensivsten Kampagnenstarts der letzten Jahre darstellen. Doch auch der Rest des Spiels weiß mit einem wohl dosierten Mix aus Action, Emotionen und humorvollen sowie ernsten Dialogen zu gefallen. Jeder Charakter der Widerstandsgruppe, der B.J. angehört und die die Nazis aus Amerika vertreiben will, trägt seinen eigenen kleinen Teil zur Geschichte bei und sogar die Gespräche mit eher ungeliebten Gefechtsbrüdern oder -schwestern erweisen sich niemals als langweilig. Während einiger Dialoge bietet sich den Spielern – wie bereits im Vorgänger – die Möglichkeit, durch bestimmte Antworten den weiteren Verlauf der Kampagne zu beeinflussen. Einen großen Anteil an der spannend erzählten Geschichte mit dessen Antagonistin SS-Obergruppenführerin Irene Engel, die auch schon bei den Ereignissen in The New Order eine wichtige Rolle spielte, haben auch die hervorragenden englischen und deutschen Synchronsprecher.

Ich ertappte mich letztlich immer wieder dabei, wie ich Schießpassagen möglichst schnell abschloss, um weiter der Entwicklung der Geschichte und Charaktere beiwohnen zu können. Der letzte Shooter, der mir einen solchen Spielstil abverlangte, dürfte Call of Duty: Modern Warfare gewesen sein. Das heißt natürlich nicht, dass die Actionsequenzen schlecht umgesetzt oder gar langweilig wären. Im Gegenteil: Streckenweise gehört das fröhliche Umlegen von Nazis mit zur besten Shooteraction aller Zeiten. Durch das Auftauchen mehrerer bereits aus The New Order bekannter Charaktere, darunter Anya, die jetzt von B.J. mit Zwillingen schwanger ist, und das abwechslungsreiche Storytelling drängt sich die Geschichte aber immer wieder in den Vordergrund. Sogar der nicht vorhandene Mehrspielermodus interessiert da überhaupt nicht.

Liebe zum Detail rundet Gesamtpaket ab

Auch die im Vergleich zum Vorgänger noch feiner detaillierte Ausarbeitung der Areale lässt die als Katharsis aufgebaute Erzählung lebendig wirken. Überall lassen Plakate mit Propaganda, Zeitungsartikel und Werbetafeln keinen Zweifel daran aufkommen, wer momentan in den Vereinigten Staaten an der Macht ist. Als Paradebeispiel könnte hier die Stadt Roswell gelten, die Blazkowicz während einer Nazi-Parade besucht. Hier zeigt sich auch die neue Grafikpracht von Wolfenstein am eindrucksvollsten - leider bekommt man von der durchaus ansehnlichen Optik während der Kämpfe in grauen Korridoren wenig mit - bis auf die imposanten Explosionen selbstverständlich. Atmosphärisch wird das alles hervorragend vom Soundtrack eingefangen, für den Mick Gordon, der schon in Doom federführend war, verantwortlich zeichnete. Zwischen ruhigen Schleichpassagen und knalliger Action gelingt immer wieder ein dynamischer Übergang, zu jeder Zeit befindet sich die musikalische Untermalung auf einem hohen Niveau.

Jede Iteration des Spiels läuft übrigens flüssig über den Bildschirm, auf PlayStation 4 und Xbox One mit recht stabilen 60 Bildern pro Sekunde, bei PCs ist dieser Wert je nach Hardware nach oben hin offen. Der PC profitiert außerdem von einer effektiveren Kantenglättung, die Xbox One muss hingegen mit etwas weniger Details und Auflösung vorliebnehmen. Die Version für Nintendo Switch erscheint allerdings erst in 2018.

Fazit:

Die schwedischen Entwickler bei MachineGames dürfen sich durchaus auf die Schulter klopfen. Das ohnehin schon ausgereifte Gameplay aus The New Order haben die Schweden durch clevere Neuerungen noch weiter verfeinert und so eines der besten Shooter-Erlebnisse der Generation geschaffen. Die präzise Steuerung des Protagonisten William Blazkowicz erlaubt zusammen mit dem intuitiven Waffenwechsel ein enorm befriedigendes Action-Combat, das immer wieder rechtzeitig von Stealth-Passagen unterbrochen wird. Leider finden die allermeisten Kämpfe in den immer gleichen Arealen statt, die im Eifer des Gefechts nur wenig Raum für alternative Herangehensweisen lassen. Auch der ein oder andere Gegnertyp mehr hätte dem Spiel wohl gutgetan.

Bei diesem Gameplay ist es nun beinahe schon unverschämt, die Charaktere und die Story als die wahren Stars des Spiels festzumachen. Doch was die Spieler in dem alternativen Nordamerika des Jahres 1961 und rund um die Widerstandsbewegung erleben sucht mindestens innerhalb des Genres seinesgleichen. Immer passend durch den hervorragenden Soundtrack unterlegt kämpft B.J. sich im einen Moment noch durch Gegnerhorden, nur um im anderen authentische Gespräche über das Leben innerhalb eines Terrorregimes zu führen. Stets schafft es The New Colossus dann, solche ernsten Momente auch mit Humor zu verbinden, ohne dabei zwanghaft zu wirken. Doom zeigte im letzten Jahr den jährlichen Shooter-Serien, wie innovatives Gameplay auszusehen hat. Wolfenstein II schafft es nun, exzellentes Gameplay mit einer packenden Story zu verbinden.

Von uns getestet: PC-Version

Wertung:

9.0

Nico Zurheide meint:

"Macht Spaß, regt zum Nachdenken an und überzeugt auf vielen Ebenen - Wolfenstein ist besser denn je."
Spielerlebnis: Herausragend
Umfang: Gut
Technik: Sehr gut

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5 Kommentare:


Turrican
vor 1 Jahr | 1
Bin gespannt wann die Switch Version erscheint.Ich freue mich drauf.

Matthew1990
vor 1 Jahr | 1
Ich freue mich schon auf den Titel, wenn er nächstes Jahr für die Switch kommt.
Laut dem Test zumindest eine gute Empfehlung (mit dem gleich dazu genannten Spiel: Doom). :)
Was ich mich frage: Hat es Wiederspielwert in Form von Collectables, Erfolgen oder Challenges? Oder spielt man da einfach die Story einmal durch und dann ist das Spiel beendet?

nibez
vor 1 Jahr | 3
Da man selbst einige Entscheidungen treffen kann, die den Verlauf der Story beeinflussen, ist ein zweiter Spieldurchlauf durchaus lohnenswert. Um alle Collectables zu finden, musst du auch schon etwas mehr Zeit investieren.
Matthew1990
vor 1 Jahr | 1
Danke für die Antwort. Das klingt sogar noch besser. :)


Knusel
vor 1 Jahr | 1
Skyrim und Doom sind schon praktisch gekauft ...
Bei wolfenstein war ich mir nicht sicher... aber nach dem Test ist die Entscheidung mir nicht schwer gefallen...