Test: Gran Turismo Sport

Von Andreas Held am 28. Oktober 2017

Nach Project CARS und Forza steigt nun auch Gran Turismo ins Rennen um die Pole Position im diesjährigen Rennspiel-Weihnachtsgeschäft ein - allerdings nur mit einem abgespeckten Spin-Off.

1989 wurde die Berliner Mauer abgerissen. Was diese Information mit Gran Turismo zu tun hat, weiß ich auch nicht. Aber sie ist das Erste, was ich von dem Spiel sehe, noch bevor ich in mein erstes Auto steige - in Form eines kurzen Artikels vor einem Originalfoto. Sie zeigt, dass Gran Turismo von einem Entwickler stammt, der durchaus mit Hideo Kojima vergleichbar ist: Kazunori Yamauchi ist ein exzentrischer Perfektionist, dessen skurrile Ideen das Spieldesign von Gran Turismo prägten und etwa dafür sorgten, dass wir in Gran Turismo 6 eine Slalomstrecke auf dem Mond bezwingen mussten. Und dessen Perfektionismus dafür verantwortlich ist, dass er in den letzten vier Jahren kein einziges Spiel veröffentlichen konnte - vier lange Jahre, in denen Microsoft seinen Fans nicht nur Forza 6 und 7, sondern obendrein noch Forza Horizon 2 und 3 präsentieren konnte. Selbst Gran Turismo Sport ist eigentlich kein fertiges Spiel, sondern nur ein Meilenstein auf dem Weg zu Gran Turismo 7, das vielleicht irgendwann mal erscheint. Oder auch nicht.

Gran Turismo Portable 2

Die wichtigste Information vorweg: Gran Turismo Sport ist ein Multiplayer-Only-Titel. Unter dem täuschend benamten Menüpunkt „Kampagne“ finden sich lediglich einige Fahrprüfungen. Von denen gibt es zwar viele Dutzend, aber sie sind - mit einigen Ausnahmen im späteren Spielverlauf - so kurz, dass sie kaum länger dauern als die Ladezeit, die man vor jedem der spielerischen Amuse-Gueules abwarten muss. Ansonsten dürfen wir noch im Arcade-Modus Einzelrennen gegen die KI fahren. Diese unterliegt einem Rubberband-Effekt, den uns Polyphony Digital sogar ganz offen präsentiert, ohne dabei rot zu werden. Schalten wir ihn aus, ist die KI selbst auf dem niedrigsten Schwierigkeitsgrad uneinholbar. Schalten wir ihn ein, werden vor uns fahrende Kontrahenten geradezu lächerlich langsam, nur um dann in der nächsten Kurve gleich wieder an uns vorbeizurauschen. Es bleibt dabei: Wer keinen PS-Plus-Account besitzt, braucht über die Anschaffung von Gran Turismo Sport nicht einmal nachzudenken.

Auch im Hinblick auf die Anzahl der Strecken und Fahrzeuge hinkt Gran Turismo Sport weit hinter der diesjährigen Konkurrenz hinterher. Nach Abzug aller Rückwärts-Versionen, langweiliger Ovale (von denen es gleich drei Stück gibt) und der bei den Fans nicht sehr beliebten Offroad-Strecken bleiben noch etwa 15 Kurse übrig. In dieser Auswahl fehlen sowohl beliebte reale Strecken als auch ikonische Rundkurse aus dem Gran-Turismo-Franchise - Circuit de la Sarthe, Spa Franchorchamps, Deep Forest Raceway und Grand Valley Speedway tummeln sich allesamt auf der Vermisstenliste. An ihrer Stelle stehen recht viele Neuzugänge und Nachbildungen realer Strecken, die sonst eher selten zu sehen sind. Und natürlich die obligatorische Nordschleife.

Mit einem Fuhrpark aus 167 Fahrzeugen kann Gran Turismo Sport auf den ersten Blick zumindest mit Project CARS 2 mithalten - diese Zahl relativiert sich jedoch nach der Erkenntnis, dass Mazda beispielsweise den Atenza Sedan XD L Package, den Atenza Gr.3, das Atenza Gr.3 Road Car und den Atenza Gr.4 im Angebot hat, also praktisch viermal das gleiche Auto, während der RX-7, der RX-8 oder der 787B nirgends zu sehen sind. Bei den restlichen der insgesamt 34 Hersteller sieht es kaum anders aus. Viele der im Spiel enthaltenen Fahrzeuge sind Konzept-Designs, die nicht real existieren.

Ideenklau bei Splatoon

Wer nun erwartet, dass Gran Turismo Sport wegen seines Online-Fokus zumindest diesen einen Aspekt des Spiels dann auch herausragend gut umsetzt, muss ebenfalls enttäuscht werden. Stattdessen setzt der Sport-Modus die gleichen seltsamen Restriktionen um, über die Splatoon-Spieler seit Jahren meckern: In einer täglich wechselnden Rotation sind genau drei Strecken wählbar, die vom Server vorgegeben sind. Ihr könnt auch nicht einfach in ein Rennen hineinhüpfen, sondern müsst - teilweise über eine Viertelstunde lang - auf festgelegte Startzeiten warten und euch in dieser Zeit mit dem Qualifying beschäftigen. Ab dem 04. November könnt ihr darüber hinaus an Online-Turnieren teilnehmen, die sich über mehrere Wochen erstrecken. Die meisten Spieler werden sich wohl lieber in den inoffiziellen Lobbies tummeln, die freier gestaltet werden dürfen, letztendlich aber nichts anderes bieten als das, was man in anderen Rennspielen zusätzlich zu einer vollwertigen Einzelspieler-Kampagne und deutlich mehr Strecken und Fahrzeugen bekommt.
Was Gran Turismo also bleibt, ist seine herausragend gute Fahrphysik. Diese spielt - zumindest auf Konsolen - in einer eigenen Liga: Die Entwickler schaffen es, das Fahrverhalten der verschiedenen Bauarten so detailliert nachzubilden, dass jeder Wagen seine ganz eigene "Persönlichkeit" mitbringt. Das Untersteuern von frontgetriebenen Mittelklasse-Fahrzeugen ist in Gran Turismo Sport genauso zu spüren wie die kaum vorhandene Kontrollierbarkeit PS-starker Sportwagen oder die Agilität leichter und leistungsstarker Rennboliden. Selbst mit dem Dual-Shock-Controller liefert Polyphony Digital ein Fahrgefühl, das man in dieser Qualität von keinem anderen Rennspiel bekommt - knallharte PC-Simulationen wie iRacing oder Automobilista mal ausgenommen. Lediglich die Kollisionen sind nach wie vor etwas lächerlich: Wer mit Vollgas gegen eine Wand fährt, prallt mit einem leisen "Ditsch" etwa einen Meter weit von ihr ab und bleibt dann stehen. Das ist vermutlich eine bewusste Design-Entscheidung, damit Online-Rennen nicht allzu chaotisch werden. Kritisieren darf man es trotzdem.

Auch technisch muss sich Gran Turismo Sport nicht verstecken. Zwar fehlen dem Titel echte Grafikblender-Strecken (die Autobahn in Tokyo ist in dieser Hinsicht eher enttäuschend), dafür sehen alle Rundkurse konstant gut aus und laufen mit einer flüssigen Framerate über den Bildschirm. Ein Makel ist hier wiederum das hoffnungslos zugekleisterte HUD, was vor allem deshalb ärgerlich ist, weil die sonst eigentlich übliche Funktion zur Deaktivierung einzelner Elemente fehlt. Wir bekommen lediglich die Möglichkeit, eine Light-Version auszuwählen oder das HUD ganz abzustellen - aber selbst das abgespeckte HUD ist noch viel zu sperrig und vor allem die mitten auf dem Bildschirm eingeblendete Rundenzeit ist einfach störend. Akustisch bekommen wir neben den gewohnten Motoren-Sounds einen lizenzierten Soundtrack, in dem auch der unter Gran-Turismo-Fans bekannte Rockmusiker daiki kasho wieder mit mehreren Stücken vertreten ist. Die Musik fällt während der Rennen kaum auf und kann bei Bedarf ganz abgestellt werden.

Fazit:

Gran Turismo Sport ist in erster Linie ein abgespecktes Spin-Off. Der Einzelspielermodus besteht aus im Schnitt etwa 30 Sekunden langen Fahrprüfungen und Einzelrennen gegen die KI, während der Fuhrpark und die Streckenauswahl mit 167 zum Teil sehr ähnlichen Fahrzeugen und etwa 20 wirklich verschiedenen Rundkursen sehr überschaubar sind. Trotz der Namensänderung fühlt sich der Titel an wie ein Gran Turismo 7 Prologue, zumal davon ausgegangen werden darf, dass alle Assets und der Programmcode des Multiplayer-Titels im siebten Teil weiterverwendet werden. Gran Turismo Sport wirkt also wie eine verschleierte Crowdfunding-Kampagne für den kommenden Hauptteil der Serie, die die äußerst lange Entwicklungszeit irgendwie refinanzieren soll. Trotz der drastischen Kürzungen im Umfang steht die Rennsimulation zum Vollpreis im Laden, und der klar im Fokus stehende Online-Modus kann die fehlenden Einzelspieler-Modi nicht kompensieren, da er sich kaum vom Online-Aspekt anderer Rennspiele abhebt. Da Sony aber nun mal den Vollpreis für Gran Turismo Sport verlangt, muss der Umfang knallhart mit dem anderer Rennspiele verglichen werden - daran kann auch die herausragend gute und auf Konsolen konkurrenzlose Fahrphysik nichts ändern.

Zweite Meinung von Niko Schopinski:

Ich mag Gran Turismo Sport. Ich mag es sogar sehr. Besser gesagt: Ich liebe die Fahrphysik und die Atmosphäre des Spiels. Ich liebe es, im Ferrari 458 Italia GT3 oder im Audi R8 LMS über den Asphalt zu donnern und in jeder Kurve noch ein Sekündchen herauszuholen. Und ich spüre bei Gran Turismo einfach die Begeisterung der Entwickler für den Motorsport. Dennoch halte ich die Kritik an der generellen Konzeption und dem gesetzten Schwerpunkt für berechtigt. Der Verzicht auf mehr „Fleisch“ für Einzelspieler und der Quasi-Always-On-Zwang dürften den Titel einiges an Kredit gekostet haben. Auch das Fehlen eines Wettersystems und die generell sehr überschaubare Anzahl an Strecken sorgen bei mir gegenwärtig für einen faden Beigeschmack. Der Scapes-Modus ist ein wirklich netter Zeitvertreib, viel mehr aber auch nicht. Welche praktischen Auswirkungen die in der Theorie gut klingende Sportsgeist-Bewertung letztendlich haben wird, kann ich noch nicht seriös einschätzen – das werden die kommenden Monate zeigen. Ich kann nur hoffen, dass die Entwickler schon eifrig an weiteren (kostenlosen) Inhalten werkeln und das Spiel in den nächsten Monaten und Jahren peu à peu erweitern. Im aktuellen Zustand reicht es aber weder für eine Top-Bewertung, noch für eine uneingeschränkte Kaufempfehlung. Gran Turismo Sport verfügt ohne Zweifel über ein großartiges Grundgerüst und vermittelt ein fantastisches Fahrgefühl. Ansonsten fehlt es aber noch an einigen Stellen an Vollwertigkeit.

Wertung:

7.5

Andreas Held meint:

"Gran Turismo Sport ist ein Multiplayer-Spinoff mit stark beschnittenem Umfang - wird aber trotzdem zum Vollpreis verkauft."
Spielerlebnis: Herausragend
Umfang: Mangelhaft
Technik: Sehr gut

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