Test: Forza Motorsport 7

Von Andreas Held am 10. Oktober 2017

Diesen Oktober schicken sowohl Sony als auch Microsoft ihre Rennspiel-Giganten in den Ring. Microsoft darf mit Forza 7 vorlegen.

Zwischen Zugänglichkeit und Simulation

Forza 7 ist bereits der dritte Ableger der Microsoft-exklusiven Rennsport-Serie, der für die aktuelle Konsolengeneration erscheint. Ähnlich wie EA mit FIFA hat auch Turn 10 die schwierige Aufgabe, das sehr eng gefasste Genre mit sinnvollen Innovationen zu erweitern. Offenbar hat es sich das Entwicklerteam mit der aktuellen Iteration nun zur Hauptaufgabe gemacht, ein möglichst breites Spieler-Spektrum - vom blutigen Gelegenheitsspieler bis hin zum Simulationsfreak - zufriedenzustellen und hat in der Folge die Einstellungsmöglichkeiten bei den Fahrhilfen stark erweitert. Und zwar in beide Richtungen.

Somit kommen alle Hilfssysteme nun mit der Einstellung „Super Easy“ daher, die schon fast an die Schlausteuerung aus Mario Kart 8 erinnert. Aber im Ausgleich dazu bietet Forza 7 mit ausgeschalteten Fahrhilfen das mit Abstand anspruchsvollste Physik-Modell der Serie. Wer zu schnell in eine Kurve rast, sich verbremst oder zu rabiat Gas gibt, darf einen Kontrollverlust und den anschließenden Zusammenstoß mit der Streckenbegrenzung fest einplanen - und dank des im Simulationsmodus relativ strengen Schadensmodells kann bereits eine einzelne Kollision dazu führen, dass ihr weit abgeschlagen auf dem letzten Platz landet. Dazu passend dürft ihr mit einer (bei den Fahrhilfen versteckten) Option die Rennlänge beeinflussen und aus drei Stufen wählen, mit denen sich der Zeitaufwand pro Rennen wahlweise auf etwa fünf, zwanzig oder vierzig Minuten festlegen lässt.

Die kurzen und linearen Einzelspieler-Kampagnen aus den beiden Vorgängern wurden in Forza 7 wieder durch einen umfangreichen und offen gestalteten Karriere-Modus ersetzt. Auf dem Weg zum Titel dürft ihr etwa 60 Rennserien und 20 Events mit speziellen Regeln in einer recht beliebigen Reihenfolge bestreiten. Mit dem Forza Driver's Cup bekommen Fans von Rennsimulationen also zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder einen wirklich umfangreichen und langfristig motivierenden Karriere-Modus. Lediglich die Gegner-KI ist bei all dem offenbar etwas auf der Strecke geblieben: Die „Drivatare“, die das Fahrverhalten anderer Spieler kopieren sollen und nach Möglichkeit anhand eurer Xbox-Live-Freundesliste aufgefüllt werden, folgen stur einer vorgegebenen Linie und sind generell nicht dazu in der Lage, auf das Fahrzeug des Spielers zu reagieren.

Ordentliche Strecken-Auswahl, gewaltiger Fuhrpark

Forza 7 hat 32 Strecken im Angebot, von denen die meisten noch in diversen Kurz- oder Rückwärts-Versionen befahrbar sind. Damit liegt Turn 10 zwar ein gutes Stück weit hinter Project CARS 2 zurück, muss sich aber dennoch nicht lumpen lassen. Herausragend gut gelungen ist den Entwicklern hingegen der Fuhrpark aus etwa 700 fahrbaren Untersätzen. Anders als in Sonys Gran Turismo, das mit einer noch höheren Fahrzeug-Anzahl wirbt, gestaltet sich dieser Fuhrpark sogar unglaublich abwechslungsreich - Autos, die als direkte „Klone“ voneinander bezeichnet werden könnten, sind die absolute Ausnahme. Hinzu kommt, dass Turn 10 nicht nur unzählige Sport- und Rennwagen im Angebot hat, sondern auch mit etlichen Exoten überraschen kann. Rally-Wagen, Monster Trucks, historische Fahrzeuge und weitere Kuriositäten warten genauso wie die üblichen Verdächtigen darauf, von euch über die verschiedenen Rundkurse gejagt zu werden.
Alle 700 Boliden wurden detailgetreu im Spiel umgesetzt und kommen mit einer Cockpit-Ansicht daher, die sich langsam aber sicher mit dem Prädikat „fotorealistisch“ rühmen darf. Auch bei der Streckengrafik kann das Spiel punkten und seine Genre-Kollegen klar ausstechen. Während sich bereits detailarme Strecken wie die in der amerikanischen Wüste gelegene Laguna Seca durchaus sehen lassen können, gesellt sich Forza 7 mit seinen Stadtstrecken (insbesondere dem neuen Rundkurs in Rio de Janeiro) zur system- und genreübergreifenden Grafik-Referenz dazu; vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass die Rennsport-Umsetzung im Gegensatz zu anderen Konsolen-Grafikblendern mit flüssigen 60 FPS läuft und mit den richtigen Fahrzeugen ein unglaubliches Geschwindigkeitsgefühl bietet.

Kritik an Loot-Boxen und PC-Version

Forza 7 erntete nach seinem Release scharfe Kritik, weil es die (mittlerweile in AAA-Titeln recht verbreiteten) Loot-Boxen in seinem Ingame-Store anbietet. Diese können aktuell ausschließlich mit der Ingame-Währung gekauft werden, die man nach dem Abschluss eines Rennens erhält; Microsoft und Turn 10 haben jedoch bereits offiziell bestätigt, dass zu einem späteren Zeitpunkt auch der Echtgeld-Einsatz möglich sein wird. Diese Boxen stehen vor allem deshalb in der Kritik, weil sie so genannte „Mods“ beinhalten, mit denen man sich zusätzliche Herausforderungen auferlegen kann, um nach einem Rennen einen Bonus auf das erworbene Preisgeld zu erhalten. In den Vorgängern war es hingegen einfach über das Optionsmenü möglich, beispielsweise durch das Abschalten der Traktionskontrolle das Einkommen etwas aufzustocken. Aus Sicht der Kritiker wurde also ein existierendes Feature aus dem Spiel genommen, um dieses in Loot-Boxen zu verpacken und zu verkaufen. Diese Argumentation ist jedoch nicht stichhaltig, da die Geldboni in Forza 7 viel höher ausfallen als in den Vorgängern und man den Kaufpreis der Loot-Boxen auf diesem Wege wieder zurückbekommt.
Schlussendlich ist dieses Thema so komplex, dass man sicherlich einen ganzen Artikel darüber verfassen könnte. Fakt ist jedoch, dass Forza 7 seine Ingame-Währung derart großzügig verteilt, dass der Aufbau einer großen Fahrzeugflotte und das Erreichen des Abspanns auch ohne Echtgeldeinsatz problemlos möglich sind. Wer kein Problem damit hat oder sogar noch dadurch motiviert wird, dass er sich Dinge in einem Videospiel erst erarbeiten und mit der Zeit freischalten muss, wird mit der Ingame-Wirtschaft von Forza 7 keinerlei Reibungspunkte haben. Wer jedoch gleich nach Spielstart einen Mazda 787B besitzen möchte und jeglichen Zeitaufwand als einen Versuch von Microsoft interpretiert, Spieler zu zusätzlichen Zahlungen zu nötigen, wird mit Forza 7 nicht glücklich und sollte lieber zu Project CARS 2 greifen, wo alles von Anfang an freigeschaltet ist.

Etwas eindeutiger darf die Kritik an der PC-Version ausfallen: Nach der Freischaltung des Spiels im Windows-Store gab es einen regelrechten Shitstorm, da sich der über 95 Gigabyte große Download ständig neu startete und Spieler mit einer etwas langsameren Internetverbindung zum Teil tagelang erfolglos versuchten, den Titel herunterzuladen. Wer es auf seinem Heimcomputer bis zum Titelbild schaffte, machte hingegen fast unweigerlich mit regelmäßigen Spielabstürzen und extremen Grafikfehlern Bekanntschaft. Auf der Xbox One ist Forza 7 technisch „herausragend“, und Besitzer von 4K-Fernsehgeräten werden nach dem Release der Xbox One X sogar noch etwas mehr aus dem Titel herausholen können. Der auf vielen Systemen kaum spielbaren PC-Version müssen wir in dieser Disziplin jedoch leider die Teilwertung „mangelhaft“ aufdrücken.

Fazit:

Forza Motorsport 7 ist ein herausragend gutes Rennspiel. Die wichtigste Neuerung in der diesjährigen Ausgabe ist sicherlich, dass Einzelspieler endlich wieder einen wirklich umfangreichen und motivierenden Karriere-Modus mit zahlreichen Meisterschaften und (wenn man dies denn möchte) langen Rennen geboten bekommen. Die Fahrphysik ist mit ausgeschalteten Fahrhilfen und im Simulationsmodus deutlich anspruchsvoller als in den Vorgängern, und die Grafikengine setzt auf die schon 2015 sehr beeindruckende Optik noch einen drauf. Ein weiteres Highlight ist der Fuhrpark, der mit 700 Fahrzeugen unterschiedlichster Bauarten nicht nur sehr üppig, sondern auch extrem abwechslungsreich ausfällt. Lediglich die immer noch auf Schienen fahrende KI und die gravierenden technischen Probleme in der PC-Version bieten Angriffsfläche für Kritik. Einige Spielertypen könnten sich außerdem daran stören, dass man sich den Zugang zu den besten und schnellsten Fahrzeugen erst durch das Verdienen von Preisgeldern erarbeiten muss. Wer dazu bereit ist und eine Xbox One sein Eigen nennt, darf getrost davon ausgehen, dass er kein besseres Rennspiel als Forza 7 für sein Geld bekommen kann. PC-User müssen abwägen, ob sie die technischen Probleme in Kauf nehmen wollen oder lieber zum optisch und spielerisch schwächeren, dafür aber auch weniger verbuggten Project CARS 2 greifen.

Wertung:

8.5

Andreas Held meint:

"Forza Motorsport 7 erklimmt auf Konsolen den Genre-Thron - auf PCs aufgrund starker technischer Probleme aber nicht."
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Herausragend
Technik: Gut

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1 Kommentare:


Carsten
vor 2 Monaten | 2
Schön das die ganzen Vorzüge so detailliert hervorgehoben werden, auf der anderen
Seite niemand nirgendwo darauf hinweist, das das Game noch gar nicht voll zugängig ist
Es fehlen die Hauptmodi die das Spiel ausmachen. Es können nur ausgesuchte Events gespielt werden
Die Hauptmodi Ligen, Leaderbords, Forzathon sind auch nach 8 Tagen immer noch nicht zugängig. Man kann nur mit einer Handvoll Wagen , auf ein paar wenige Events zugreifen.
Der Karriere Modus ist ja ganz nett, bis auf die lächerliche KI die selbst auf höchster Schwierigkeitsstufe kein wirklicher Gegner ist.
Der Mehrspieler Modus dagegen ist ein schlechter Witz
Dort kann man in 6 verschiedenen Events antreten und dort insgesamt 81 Fahrzeuge bewegen
(nicht 700 )
Da fühlt man sich besonders als Besitzer der Ultimate Edition (die ja schon seit 29.9.17 spielen dürfen) leicht auf den Arm genommen
Eigentlich sieht es so aus, als hätte Turn 10 nur vor Start von Gran Turismo Sport irgendetwas spielbares abliefern wollen
Am enttäuschensten ist aber die einschlägige Presse, die das ganz im Sinne von Microsoft,
einfach totschweigt

Carsten