Test: Cuphead

Von Andreas Held am 02. Oktober 2017

Wie hätte Contra ausgesehen, wenn es anno 1930 als Cartoon in damalige Kinos gekommen wäre? Cuphead gibt uns die Antwort.

Run'n'Gun!

Auf einem Acker werden wir von einer riesigen Kartoffel angegriffen. Sie bespuckt uns mit Erdklumpen und Regenwürmern, denen wir mit gezielten Sprung-Manövern entgehen. Nachdem der Erdapfel das Zeitliche segnet, bekommen wir es mit einer Zwiebel zu tun. Diese beginnt sofort, bitterlich zu weinen, sodass wir den von oben herabfallenden Tränen ausweichen müssen. Am Ende des Kampfes übernimmt eine Karotte das Kommando. Sie beschießt uns mit Suchraketen in der Gestalt von kleinen Möhren, die wir schnell abschießen, bevor sie auf dem Bildschirm zu zahlreich werden. Es ist der ganz normale Wahnsinn, wie wir ihn in Cuphead - dem ganz eindeutig von alten Treasure-Titeln wie Gunstar Heroes oder Alien Soldier inspirierten Boss-Rush-Run'n'Gun - die ganze Zeit über zu sehen bekommen.

Mit einer rudimentären Story ausgestattet, die sich mit ihrem Handlungsstil liebevoll an die Erzählweise aus den frühen 30er Jahren anlehnt, werden wir auf eine Weltkarte losgeschickt, auf der knapp zwei Dutzend Endbosse auf uns warten. Jeder Kampf ist pompös inszeniert, besteht aus mindestens drei völlig verschiedenen Phasen - und gestaltet sich nicht selten unglaublich schwierig. Cuphead machte sich in den Wochen vor seinem Release einen Namen damit, professionelle Spieletester in Gameplay-Demos regelrecht vorzuführen, was viele Diskussionen losgetreten hat, die sich letztendlich zu einer viralen Marketing-Kampagne für den Old-School-Schwierigkeitsgrad des Action-Platformers entwickelten. Geübte Spieler und Genre-Fans werden in der ersten Welt noch nicht auf massive Probleme stoßen, aber im weiteren Verlauf könnten selbst erfahrene Veteranen, die Mega Man und Contra überlebt haben, gerne mal über eine halbe Stunde lang an einem einzelnen Boss festhängen. Ein guter Speedrunner wird Cuphead irgendwann in unter einer Stunde zu 100% beenden, denn das Spiel ist eigentlich sehr kurz. Aufgrund des Schwierigkeitsgrads könnt ihr diese Spielzeit für euren ersten Spieldurchgang jedoch mehrmals vervielfachen.

Retro-Gameplay und (extreme) Retro-Optik

Auf den großen Spielemessen sorgte Cuphead vor allem mit seiner Optik für Aufsehen. Diese orientiert sich sehr eng an den ersten Micky-Maus-Cartoons aus den 30er Jahren - so sehr, dass man den Titel auf den ersten Blick fast für ein Lizenzspiel zur beliebten Zeichentrickserie halten könnte. Diesen Grafikstil verwendet Cuphead nicht einfach nur als Marketing-Masche, sondern setzt ihn auch nahezu perfekt um: Alle Kontrahenten sind liebevoll animiert, extrem detailliert und äußerst kreativ gestaltet. Auch die Musikuntermalung kopiert den fast neunzig Jahre alten Stil, den das Spiel als Inspirationsquelle nutzt. Das ist nicht immer von Vorteil, denn die aufdringlich fröhliche und dudelige Musik kann einen nach hinreichend vielen Fehlversuchen durchaus ein bisschen wahnsinnig machen.
Die detaillierte 2D-Optik wäre in dieser Form frühestens auf dem Sega Saturn möglich gewesen. Mit seinem Gameplay orientiert sich Cuphead hingegen knallhart am 8- und 16-Bit-Zeitalter, was bedeutet, dass ihr auf RPG-Elemente und sonstige Spielereien, mit denen ihr euch die Kämpfe erleichtern könntet, leider verzichten müsst. Zwar habt ihr die Möglichkeit, durch das Freischalten und Ausrüsten von Spezialwaffen eure Siegchancen zu erhöhen, aber letztendlich ist das minimalistische Repertoire aus Springen, Schießen in acht Richtungen und einem Ausweichmanöver euer hauptsächliches Werkzeug im Kampf gegen die zahlreichen Widersacher. Wenn ihr dieses nicht meistert, kann euch keine Komplettlösung der Welt beim Erreichen des Abspanns helfen.

Auch wenn es sich bei Cuphead insgesamt um ein sehr glatt geschliffenes Produkt handelt, hat zumindest die von uns getestete PC-Version aus dem Windows 10-Store noch mit ein paar Kinderkrankheiten zu kämpfen. Innerhalb weniger Stunden mussten wir mehrere Spielabstürze, Anzeigefehler und Audio-Probleme in Kauf nehmen. Diese Probleme beschränken sich offenbar auf die Windows 10-Version, da Steam-User und Konsolenspieler von Nichtsdergleichen berichten. Davon ab lief das Spielgeschehen ohne jegliche Schönheitsfehler über den Bildschirm und aufgrund der sehr niedrigen Hardware-Anforderungen sollten Framerate-Probleme, wenn sie überhaupt auftreten, selbst auf älteren PCs eine absolute Ausnahme bleiben.

Fazit:

Cuphead ist ein Retro-Run'n'Gun der ganz alten Schule. Der herausragend gut umgesetzte Grafikstil wird sicherlich recht viel Mainstream-Interesse auf den Titel ziehen, doch rein spielerisch betrachtet ist Cuphead aufgrund seines extrem hohen Schwierigkeitsgrades ein absoluter Nischentitel. Wer bei Spielen wie Contra oder Super Ghouls'n'Ghosts schon nach wenigen Bildschirmtoden das Interesse verloren hat, wird mit Cuphead eine sehr ähnliche Erfahrung machen. Der auf Bosskämpfe ausgelegte Action-Platformer richtet sich ganz klar an Genre-Fans, die sich noch einmal an ihre Grenzen bringen wollen und auch dann, wenn sie mal über eine Stunde lang an derselben Stelle festhängen, das Gamepad nicht in die Ecke werfen. Alle anderen sollten sich nach leichterer Kost umsehen und beispielsweise bei Metroid: Samus Returns zugreifen.

Wertung:

8.0

Andreas Held meint:

"Cuphead ist aufgrund seines Schwierigkeitsgrad ein Nischentitel, der sich an Fans von Contra und anderen für ihren Schwierigkeitsgrad berüchtigten Serien richtet."
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Durchschnittlich
Technik: Gut

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1 Kommentare:


Ken_Sugisaki
vor 2 Monaten | 0
Das klingt ja schon vielversprechend. Im nächsten Sale schlag ich zu.