Test: Pokémon Tekken DX

Von Stefan Finke am 18. September 2017

Die Pokémon sind wieder da. Doch Pokémon Tekken DX ist nicht wirklich ein neues Switch-Spiel.

Die eine nicht mehr gewollte alte Jacke schmiss sich Nintendo die Wii U von der Schulter. Nichtsdestotrotz rettet der Publisher den ein oder anderen Knopf und so werden beliebte Titel wie Mario Kart 8 und Splatoon nach und nach auf der Switch verfügbar gemacht. Kunden, die schon zu Zeiten der Wii U fleißig das Portemonnaie gezückt hatten, müssen nun stutzen. Wer sich nicht zurückgelassen fühlen möchte, der macht natürlich bei den aktuellsten und featurereichsten Iterationen der geliebten Spiele mit - und das zum Vollpreis. Pokémon Tekken DX ist ein weiterer Titel, der nun nach kurzer Zeit seinen Weg auf die Switch gefunden hat. „DX“ ist der neue Anhang, aber was mag das wohl bedeuten? 

Es ist Sonntag, der 19. August...

Bei der Pokémon World Championship 2017 trifft Mikukey mit seinem Skelabra auf Tonosama, der zuvor das Turnier mit Rutena verwüstet hat. Das Event wurde über Twitch, YouTube und auch Fernsehkanäle wie Disney XD gesendet. Knapp 170.000 Zuschauer sahen sich das Turnier an und Pokkén Tournament schien ein Spektakel durch und durch, währenddessen von vielen Fans des Spiels mitgefeiert und mitgefiebert wurde. Es ist also nur eine natürliche Entwicklung, dass das Kampfspiel nun auch auf der neusten Plattform Nintendos erscheint. Was vorher als ein Arcade-Automat in Japan mit einem weltweiten Wii-U-Port existierte, soll nun auf der Switch zu einer definitiven Version werden. Mit 21 spielbaren Pokémon kommt die DX-Fassung auf das größte Roster. Im Gegensatz zu den 16 Kämpfern in der Wii-U-Version stoßen nun auch die bisher vier Arcade-exklusiven Pokémon Glibunkel, Scherox, Darkrai und Impoleon hinzu, als auch der Neueinsteiger Silvarro. All diese Charaktere und ebenso Mewtu und Schatten-Mewtu, die noch zuvor freigeschaltet werden mussten, stehen bereits beim ersten Anknipsen des Spiels zur Verfügung.

Im Multiplayer kann man nun in 3v3-Kämpfen mit mehreren Kämpfern nacheinander antreten. Aber damit ist inhaltlich bereits nahezu alles erschöpft, was an der DX-Version auf der Switch aufregender als am Original sein könnte. Das ist natürlich sehr bitter - gerade deshalb, da das Spiel sich mit seinen satten 60 Euro nicht einmal höflich anbietet. Der Wii-U-Besitzer weiß, dass er hier eigentlich nur den Umfang einiger Charakter-DLCs erhält, aber dennoch den Spielevollpreis löhnen soll.

Dieses Problem warf schon eine Kontroverse auf, als Mario Kart 8 und Splatoon relativ zügig für die Switch mobilisiert wurden. Ungeachtet dessen wäre es falsch, den Switchport des Pokémonprüglers als durchgehend negativ zu bewerten. Da die kompetitive Szene des Spiels sich derzeit recht stark durchsetzt, wie man jetzt auch neustens bei den Pokémon World Championships 2017 sehen konnte, kann der Port in dieser Richtung nur Gutes für die Verbreitung und Interesse am Spiel bedeuten. Durch die womöglich weitaus größere Verbreitung der Hardwarebasis kann man davon ausgehen, dass das Spiel auf der Switch sehr gut aufgehoben ist und viele neue Spieler interessieren dürfte. Auch profitiert das Spiel immens von der Portabilität der Konsole und der Möglichkeit, einem zweiten Spieler schnell den Joy-Con zu reichen, wenn mal kein größerer Controller zur Verfügung steht. Warum sich das Spiel aber gerade in diesem Szenario als Kampfspiel besonders eignet, bedarf einiger Erklärung zum Spiel selbst.

Pocken? Das ist doch diese Kinderkrankheit.

Das Spiel heißt international Pokkén Tournament DX und ist somit die wörtliche Anspielung der Fusion zwischen dem Pokémon-Universum und der Tekken-Serie, für die Namco (heute Namco Bandai) seinerzeit berühmt wurde. Überraschenderweise ist das Spiel aber nur ein paar Prozent Tekken und ein paar mehr Prozent Pokémon. Hauptsächlich finden wir hier ein ganz eigenes Spiel mit individuellen Mechaniken vor. Tekken zeigte sich zu seiner Zeit innovativ durch seinen stärkeren Fokus auf 3D, die meisten anderen Fightinggames wurden noch wie üblich in einem rein zweidimensionalen Raum realisiert. Bewegung durch einen dreidimensionalen Raum wird in Pokkén großgeschrieben, aber viele andere Details, die Tekken definierte, wurden simplifiziert:

In Pokkén korrespondieren die Buttons nicht mehr zu den Gliedern des Kämpfer, stattdessen werden die Attacken grob in schwach, mittel und stark unterteilt und nach diesem System den Buttons zugeordnet. Während in Tekken noch auf verschiedenen Höhen geblockt werden konnte, kann man in Pokkén einfachheitshalber auf der gesamten Körperhöhe blocken. Dafür unterscheidet der Pokémonprügler zwischen zwei Kampfphasen, zwischen denen stetig gewechselt wird. In der Feldphase können beide Kontrahenten im dreidimensionalen Raum vorwärts, rückwärts und seitwärts laufen und tasten sich dabei mit Projektilen oder langreichenden Attacken aneinander heran. Treffen gewisse Attacken den Gegner, wird die Duellphase initiiert. In der Duellphase befindet man sich wieder in einem zweidimensionalen Raum, wie man es von Fightinggames wie Super Street Fighter kennt. Hier geht es hart zu, es werden starke Combos ausgetauscht und man ist gezwungen, sich den Attacken des Aggressors zu stellen, anstatt durch Bewegung das Weite zu suchen.

Der Initiator jedes Phasenwechsels wird übrigens belohnt, sodass eine Dynamik entsteht, in welcher das kontrollierte, aber aggressive Voranschreiten der Schlüssel zum Sieg wird. Wer sich ewig hinter dem Schild versteckt und nur Projektile schmeißt wird es früher und später bereuen. Eine weitere sinnvolle, aber leicht zu verstehende Mechanik ist das Angriffs-Dreieck. Normale Angriffe schlagen Griffe, Griffe schlagen Konterattacken, Konterattacken schlagen Normale Angriffe. Durch Farben wird deutlich, welche dieser drei Optionen vom Gegner genutzt wird und auch Anfänger können sich leicht hineindenken und schon durch Beobachtung lernen, für welche Option der Gegner tendiert und wie sie dann entsprechend reagieren müssen. Wer tiefer in das Spiel einsteigt wird nach und nach ein paar Combos lernen, die viel Schaden am Gegner verursachen, wenn dieser eine Öffnung dafür lässt. In einigen Kampfspielen bedeutete dies wüste Tastenkombination, die quasi erst mit einem Uniabschluss so wirklich zu lernen waren. In Pokémon Tekken sind die meisten Eingaben relativ simpel und können leicht ausgeführt werden, was wieder der Einsteigerfreundlichkeit entspricht, die der Titel in vieler seiner Designentscheidungen widerspiegelt. Aber trotz der leicht zu erlernenden Bedienung bietet das Spiel eine ausgeklügelte Tiefe, die auch in der kompetitiven Szene geschätzt wird.

In Pokkén Tournament verfügt man im Kampf über zwei Resourcen: Helferpokémon und Resonanzenergie. Helferpokémon können in Zweiersets bereits vor dem Kampf gewählt werden und sind ein wesentlicher Teil eurer Strategie, bereits bevor ihr euch im Kampf erprobt. Die helfenden Taschenmonster greifen bei ihrer Aktivierung mit ihren eigenen Attacken an, unterbrechen den Gegner oder verstärken und heilen euch. Aber ein besonderer Fokus liegt auf eurer Resonanzenergie. Mit jedem Schlag, den ihr entweder austeilt oder kassiert, füllt sich eure Resonanzlimit-Leiste. Ist diese komplett gefüllt, könnt ihr mit eurem Kämpfer eine Art Mega-Entwicklung ausführen. Euer Charakter erstrahlt in  leuchtenden Farben und ihr seid extrem verstärkt. Gegnerische Treffen hauen euch nur sehr schwer aus dem Gleichgewicht und eure Attacken verursachen immensen Schaden. Während ihr euch in diesem Modus befindet, könnt ihr auch eine extrem starke und wunderschön animierte Attacke auslösen, welche dann mal gerne ein Drittel bis zur Hälfte der gegnerischen Lebenspunkte abziehen kann.

Die richtige Nutzung von Resonanzenergie unterscheidet den erfahrenen Spieler vom Anfänger. Die Technik ist zwar leicht einzusetzen, aber kann auch geblockt werden. Wer die Mega-Entwicklung nicht mit einer cleveren Kombo verbindet, muss damit rechnen, dass der Gegner sich eurer Aggression entreißen wird oder vielleicht auch sein Helferpokémon zu Hilfe ruft, um euren Vorstoß zu mildern. Das Resonanzlimit ist ein aufregender Teil des Kampfes, aber ein starker Fokus auf diese Mechanik kann auch sehr frustrieren. Sie unterbricht den Fluss des Kampfes durch die vielen Animationen, die beide Spieler sich ohne Kontrolle aufs Geschehen anschauen müssen. Die Switch zeigt hier wundervolle Grafiken, die toll anzusehen sind, aber immer wieder im Kampf darauf zu warten, kann irgendwann auch nervig werden. Trotz alledem sind die Kämpfe spaßig, energiegeladen und erlauben eine spielerische Tiefe, die jeden kompetitiven Enthusiasten begeistern sollte. Gleichzeitig kann das Gameplay aber auch schnell von Anfängern verstanden werden. Bandai Namco zeigt hier, dass sie wissen, wie ein Fightinggame aufgebaut sein muss.

DX für 60 Euro, wer hat noch nicht, wer möchte nochmal?

Nun aber zur Frage, ob sich das Spiel auf der Switch wirklich lohnt. Neben einem solide funktionierenden Onlinemodus mit Ranking und aufnehmbaren Matches kann man natürlich auch offline gegen CPU oder lokal mit einem weiteren Spieler zocken. Hier gibt es nichts zu beanstanden, vielmehr zeigt sich hier die wahre Schönheit der Switchfassung. Schnell ist ein Joy-Con herübergereicht und ob zuhause am großen Fernseher oder auch unterwegs, es macht tatsächlich auch viel Spaß, am kleinen Switch-Bildschirm zu zocken. Hier übersetzen sich die Bilder aus der Switch-Werbung in die Wirklichkeit, Pokkén Tournament DX bereitet im Tabletop-Modus ebenso viel Spaß und die Flexibilität, das Spiel ohne Mühe mit sich bringen zu können, ist großartig. Der Titel läuft auch immerzu flüssig mit 60 FPS, nur im Splitscreen muss man verständlicherweise mit 30 FPS zurechtkommen. Die Joy-Con sind natürlich sehr klein und für große Hände nicht geeignet, wer dem aber dennoch eine Chance gibt, wird sich auf einen solchen Kompromiss einlassen können. Wer allerdings ernsthafter und mit besseren Eingabegeräten spielen möchte, der ist natürlich mit dem Pro-Controller gut bedient.

Neben den Multiplayermodus ist auch der Tutorialmodus des Spiels positiv zu erwähnen. Das Spiel bietet ausführliche Tutorials zu allen Mechaniken des Spiels. Auch kann man alle Attacken eines Pokémon üben und sich einige charakterspezifische Kombos beibringen lassen. Der Tutorialmodus lässt keine Wünsche offen! Im gesamten Spiel steht euch eure Assistentin Nia zur Verfügung, die euch Tipps und Ratschläge gibt. Und es mangelt ihr nicht an Kommunikationsbedürfnis. Sie plappert und plappert und plappert und dabei ist die Sprachausgabe eher mittelmäßig. Glücklicherweise kann man einstellen, wie sehr sie sich vokal im Spiel beteiligt.

Für Solospieler ist aber jenseits davon nicht mehr viel geboten. Die Ferrum-Liga präsentiert sich als die Singleplayer-Kampagne des Spiels, fällt aber extrem flach aus. Der Spieler muss sich mit seinem gewählten Kämpferpokémon durch vier Ligen schlagen. Bevor man in eine höhere Liga aufsteigen kann, muss man sich durch Qualifikationskämpfe in die Top 8 vorkämpfen. Je nach Liga bedeutet dies, sich in einem Pool mit bis zu 90 CPU-Gegnern zu befinden. Es müssen zwar nur wenige davon besiegt werden, um auf Rang 8 vorzudringen, aber wer vor hat, sich durch alle Ligen zu prügeln, muss bis zu 100 CPU-Kämpfe durchstehen. Dabei wird eine eher belanglose und uninteressante Geschichte zum Schatten-Mewtu erzählt. Die Ferrum-Liga ist nichtsdestotrotz ein sehr guter Startpunkt für Anfänger, da die ersten CPU lächerlich leicht sind und viel Raum zum Erkunden der Mechaniken bieten. Stetig gewinnt man im Spiel Goldmünzen, die man zum Kauf von Kosmetik nutzen kann, um seinen Avatar zu verschönern. Leider ist der Avatar nicht wirklich viel zu sehen, da er höchstens als 2D-Portrait hier und da erscheint. Viel relevanter jedoch sind die Erfahrungspunkte, die man nach jedem Kampf erhält. Euer Kampfpokémon kann aufleveln und es bietet sich die Wahl, die gewonnenen Punkte in Attribute wie Angriffskraft oder Verteidigung zu stecken. Ein netter kleiner Zusatz, um seinen Spielstil weiter auszubauen.

Fazit:

Pokémon Tekken DX spielt sich toll! Es lässt sich gut anschauen, die Musik macht Stimmung und das Spiel ist als Multiplayer bestens geeignet. Der Titel genießt sogar die Aufmerksamkeit vieler kompetitiver Spieler und findet seinen Platz auf großen Turnieren. Als Fightinggame ist Pokkén angenehmerweise auch für Spieler ausgelegt, die noch nie mehr als einen Knopf gleichzeitig gedrückt haben. Dennoch bietet sich die entsprechende technische und strategische Tiefe, um sich in das Kampfsystem hineinzufuchsen. Pokémonfans finden viele kleine Details und Schmankerl. Die Switch bietet sich natürlich dank der zwei Joy-Con und der Portabilität als Plattform an, gerade bei Multiplayer für nur zwei Spieler. Der Umfang jedoch ist mangelhaft. Schon bei der Wii-U-Fassung haben wir diesen kritisiert und nun verlangt Nintendo erneut 60 Euro für eine DX-Version, dessen neuer Inhalt eher als DLC hätte verkauft werden können. Dass der Umfang bei der Gelegenheit nicht ein wenig ausgebaut wurde, ist schade. Vier der fünf neuen Charaktere existierten schon in der Arcade-Version, ausschließlich Silvarro ist wirklich neu. Ein neues Set an Unterstützungpokémon und zwei neue Stages sind auch dabei, was sich aber nicht wirklich im Umfang äußert. Neben einem Spiel wie Super Smash Bros. kann sich Pokémon Tekken DX bezüglich des Umfangs einfach nicht sehen lassen.

Tonosama gewann das Turnier nach einem knappen Kampf mit Mikukey und darf sich nun "World Champion in Pokémon Tekken" nennen. Aber keine Frage, die spannenden Matches haben Hunderte, vielleicht Tausende, inspiriert und er wird seinen Titel schon bald wieder verteidigen müssen. Die Zukunft sieht gut aus für Pokémon Tekken DX!

Wertung:

8.0

Stefan Finke meint:

"Spaßig und zugänglich, aber komplex. Ein gutes Kampfspiel, dessen DX-Zusatz etwas zuviel kostet."
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Mangelhaft
Technik: Sehr gut

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