Test: Hellblade - Senua's Sacrifice

Nutzer-Story von Jerry am 15. August 2017

Die neueste Kreation von Ninja Theory auf dem Prüfstand.

"Hello.Who are you? … It doesn’t matter. Welcome. You’re safe with me."

Mit diesen Worten, gesprochen vor einem grau-weißen, konturlosen Hintergrund, beginnt das Spiel Hellblade. Die Worte stammen nicht von einer Person, sondern kommen von einer körperlosen, weiblichen Stimme; einer von mehreren, die sich im Kopf der nordischen Kriegerin Senua eingenistet haben. Wer das Spiel mit Kopfhörern spielt, so wie die Entwickler von Ninja Theory es noch vor Spielbeginn empfehlen, hat das Gefühl die Stimmen tatsächlich im eigenen Kopf zu hören.

Der weiße Bildschirm verwandelt sich in einen nebligen See, auf dem Senua auf einem Baumstamm sitzend zwischen Leichen, abgestorbenen Bäumen und grauen Felsen ins Unbekannte paddelt. Der Nebel löst sich zunehmend auf, die ständig flüsternden Stimmen bleiben jedoch bei ihr. Der Vorspann weiß durchaus zu beeindrucken und lässt auf ein atmosphärisches Meisterwerk hoffen.

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Midgard ist die Welt der Menschen, Asgard die Welt der Götter und Helheim die Welt der Toten. Solche und ähnliche Informationshappen zur nordischen Mythologie rund um Baldur, Hel, Loki und Co bekommt der Spieler an verschiedenen magischen Felsen oder Holzreliefs, die in der Spielewelt verstreut sind. Um die Seele ihres getöteten Geliebten zu retten, muss die unter Psychosen leidende Senua nach Helheim reisen. Die emotionale Reise dorthin ist dabei mindestens ebenso wichtig wie die physische. Senua kämpft nicht nur gegen Monster, sondern auch mit und gegen sich selbst. Womöglich sind die Monster sogar nur Ausgeburten ihrer Fantasie. Das Spiel betreibt hier wenig Aufklärungsarbeit, klar ist aber: Der Verlust ihres Geliebten zehrt an ihr, treibt sie in den Wahnsinn. Begleitet wird sie auf ihrem metaphorischen wie wörtlichen Weg durch die Hölle von den zuvor erwähnten Stimmen, die ständig mit ihr, dem Spieler oder auch miteinander reden. Sie tragen ungemein zur bedrückenden, manchmal absichtlich chaotischen Atmosphäre des Spiels bei, haben jedoch darüber hinaus auch einen spielerischen Nutzen. Gelegentlich helfen sie beim Lösen von Rätseln, weisen auf wichtige Objekte hin oder warnen während Kämpfen beispielsweise vor bestimmten Attacken oder Widersachern, die sich von hinten anschleichen. Wer auf die Stimmen hört, kann definitiv einen Nutzen daraus ziehen, sollte dafür jedoch Englisch beherrschen, denn es gibt keine deutsche Sprachausgabe, lediglich deutsche Untertitel.

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Sowohl Kämpfe als auch Rätsel machen einen großen Anteil von Hellblade aus. Besonders die schnellen, brachialen Auseinandersetzungen mit den grotesken, dämonischen Gegnern – halb Mensch, halb Monster - machen Laune. Die längeren Bosskämpfe zählen zu den absoluten Höhepunkten des Spiels. Senua kann gegnerischere Attacken abblocken oder ihnen ausweichen. Darüber hinaus kann sie treten und leichte sowie schwere Attacken mit ihrem Schwert ausführen. Das sieht in der Praxis hervorragend, fast tänzerisch aus. Die Animationen wirken stets flüssig und dynamisch, immer perfekt auf die Bewegungsabläufe der anvisierten Gegner abgestimmt. Combos gibt es nicht, aber mit erfolgreichen Schlägen lädt sich eine „Fokus-Attacke“ auf, mit der Senua vorübergehend die Zeit verlangsamen kann. Die Kämpfe werden geübte Spieler nicht sonderlich herausfordern und zu wenig Tiefe bieten, sind aber zweifelsohne sehr spaßig. Wenn mehrere Gegner gleichzeitig auf Senua zustürmen und die Kriegerin mit ihrem Schwert zu tanzen beginnt, schlägt das Herz schneller.

Die Rätsel bleiben im Vergleich zu den Kämpfen leider blass. Immer wieder muss Senua an verschiedenen Orten bestimmte Symbole in der Umgebung finden, um magische Tore zu öffnen. So wird beispielsweise eine dreieckige Form vorgegeben, die der Spieler durch geschicktes, perspektivisches Zusammenführen dreier Baumstämme auf einer Anhöhe finden kann. Die Rätsel, die alle mehr oder weniger diesem Muster folgen sind mitnichten schrecklich, aber tragen weder zur Atmosphäre noch zur Geschichte bei und wirken oft wie unnötiges Füllmaterial. Zur Lösung ist wenig Hirnschmalz erforderlich. Stattdessen reicht es meist, einfach willkürlich durch die Umgebung zu streifen, bis man zufällig auf die Antwort trifft. Lediglich einige magische Portale bzw. Masken, mit denen Senua ihre Umgebung indirekt manipulieren kann, machen die Sache interessanter. Dass sich die Entwickler offenbar dessen bewusst waren und die Sinnlosigkeit der Rätsel mit Hilfe der Stimmen im späteren Spielverlauf kommentieren - „You’re wasting your time! It makes sense in your head, but not in the real world!“ - macht das Ganze nur wenig besser.

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Zum Glück ist die triste, bedrohliche Spielewelt von Hellblade so atmosphärisch gestaltet, dass die eintönigen Rätsel den Spielspaß kaum drücken. Senuas Charaktermodell gehört mit zu den Detailliertesten, die es systemübergreifend zu sehen gibt. Selbst feinste Härchen auf ihrem Nacken wurden von den Entwicklern ausgearbeitet. Gestik und Mimik wirken unglaublich realistisch. Die Umgebungen sind ebenfalls auf sehr hohem Niveau und brauchen sich nicht hinter Spielen wie Uncharted 4 oder Horizon: Zero Dawn zu verstecken. Besonders hervorzuheben sind die Partikel-, Licht- und Schatteneffekte. Noch besser als die optische Seite des Spiels ist jedoch die akustische. Die dezente Hintergrundmusik, die Umgebungsgeräusche und besonders die Stimmen in Senuas Kopf klingen absolut fantastisch.

Was bleibt als Fazit zu sagen? Spielerisch erfindet Hellblade das Rad nicht neu, weiß aber bestens zu unterhalten und legt überraschend viel Wert auf emotionale Aspekte. Trauer, Schmerz und blanker Wahnsinn wurden in einem Videospiel selten so effektiv dargestellt. Die Spielzeit von 7 oder 8 Stunden ist bei einem Preis von 30€ nicht hervorragend, aber noch in Ordnung. Der Widerspielwert hält sich aufgrund des linearen Spielaufbaus sowie fehlenden Sammelaufgaben oder Side-Quests sehr in Grenzen. Es sollte auch nicht unerwähnt bleiben, dass Hellblade nicht ganz frei von Bugs ist. An einer Stelle stürzte mir das Spiel wiederholt ab und zwang mich auf der PS4 zu einer Neuinstallation (inkl. neuem 14GB-Download). Ungeachtet dieser kleineren Kritikpunkte ist Hellblade allerdings durchaus das audiovisuelle Meisterwerk, das im Vorspann angedeutet wird. Es ist ein technisch fast perfekt umgesetztes Actionspiel und gleichzeitig eine Charakterstudie; ein einmaliges, einzigartiges Erlebnis, das Spieler tief in seinen düsteren Bann zieht und von Anfang bis Ende an den Bildschirm fesselt.


Wertung:

9.0

Jerry meint:

"Technisch fast perfekt umgesetztes Actionspiel und Charakterstudie"
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Durchschnittlich
Technik: Herausragend

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4 Kommentare:


prog4m3r
vor 9 Monaten | 0
"Es sollte auch nicht unerwähnt bleiben, dass Hellblade nicht ganz frei von Bugs ist. An einer Stelle stürzte mir das Spiel wiederholt ab und zwang mich auf der PS4 zu einer Neuinstallation (inkl. neuem 14GB-Download)."

"Technik: Herausragend"

Ja was denn nun?!

Ninja Theory.... sind das nicht die DmC Reboot Typen? Weiß nicht so recht wieso der Titel - obwohl er ja recht gut geworden sein soll - so untergegangen sind, ist ja jetzt nicht nur eine kleine Indie Klitsche, wovon ich eigentlich ausgegangen bin.

Liest sich jedenfalls interessant, bei 30€ für 7-8 Stunden Spielzeit kann man eigentlich auch nicht zu sehr meckern, gibt durchaus Spiele für 60€ in den Handel kamen und bei welchen man nach ca. 6 Stunden durch ist, wäre nur halt als Einzelhandelsversion wesentlich interessanter.

Jerry
vor 9 Monaten | 0
Das Spiel hält eine konstante Framerate, hat kaum Ladezeiten und sieht fantastisch aus. Es ist gut möglich, dass meine PS4 das Spiel einfach nicht richtig installiert hatte. Nach der Neuinstallation lief jedenfalls alles problemlos.

Tobsen
vor 9 Monaten | 1
Allmählich kommt die Test-Maschinerie hier in Gang^^.
Danke für die Schilderung deiner Eindrücke. Für mich persönlich ist es nix, aber es ist halt immer wieder erfreulich, wenn ein neues gutes Videospiel das Licht der Welt erblickt.^^

Terry
vor 9 Monaten | 0
Vielen Dank für deinen Test, Jerry! Liest sich sehr gut :-)