Test: Overcooked: Special Edition

Von Lars Peterke am 09. August 2017

Ein Kochspiel als Multiplayer-Granate? Klingt absurd, funktioniert aber. Willkommen bei Overcooked! Manchmal sind die gewöhnlichsten Dinge gleichzeitig auch die ungewöhnlichsten Spielideen. So führt der Landwirtschafts-Simulator regelmäßig die Bestenliste auf Amazon an und die Idee zu Pikmin hatte Shigeru Miyamoto bekanntlich bei der Gartenarbeit. Die beiden Entwickler Phil Ducan und Oli De-Vine hingegen speisen wohl unheimlich gern in Restaurants und haben sich dabei vermutlich gefragt, was für eine Action in der Küche abgeht. Oder aber sie haben den Pixar-Film Ratatouille ein paar Mal zu oft gesehen. Doch ganz egal was die Beiden letztlich dazu gebracht hat mit “Overcooked” ein kooperatives Party-Spiel über das Kochen zu entwickeln, wir sollten ihnen dafür dankbar sein.

Nichts für einsame Köche

Die beiden Entwickler von Ghost Town Games haben beim Game Design nichts anbrennen lassen. Das klappte laut ihrer eigenen Aussage aber nur, weil man sich von Beginn an einzig und allein auf den Multiplayer-Modus als Hauptgang konzentriert hat. Demnach ist das Haar in der Suppe der Fakt, dass Overcooked für Solisten einfach nicht gut schmeckt. In der Cucina regiert das Chaos. Und dieses entfaltet sich nur, wenn vier Köche durch die Küche huschen und den Brei verderben, während sie sich dabei hysterisch anfauchen. Overcooked kann man zwar auch alleine auskosten, dann aber immer mit zwei Köchen, die gleichzeitig kontrolliert werden wollen. Dazu schaltet man mit den Schultertasten zwischen beiden Köchen hin und her. Offensichtlicherweise nimmt dies aber so viel Dampf aus dem Spiel, dass man es nicht mehr wirklich genießen kann.

Overcooked will also ein reiner Multiplayer-Spaß sein. Im Kampagnen-Modus lässt sich mit bis zu vier Leuten kooperativ kochen. Nachdem jeder Spieler seinen Avatar auswählt, landen die Spieler in der Küche des jeweiligen Levels, die der Übersichtlichkeit halber in einer Top-Down-Ansicht angerichtet wird. Im ersten Augenblick wirkt das wie Bomberman, nur dass man sich eben nicht gegenseitig versucht mit Bomben zu plätten, sondern gemeinschaftlich Dinge von A nach B trägt. In einem simplen Level holt man erst die Zutaten aus der Kiste, schnibbelt sie am Schneidebrett, trägt sie dann zum Kochtopf, befüllt im Anschluss den Teller, bringt ihn zur Ausgabe und holt dann später den dreckigen Teller ab, damit er gespült werden kann.

Schon nach wenigen Gameplay-Minuten macht dieses simple Konzept einen Heidenspaß und Hunger nach mehr. Der Schwierigkeitsgrad wird dabei durch die Bestellungen der Gäste und das Level-Design bestimmt. Spätere Küchen sind prädestiniert dafür, dass sich alle Spieler ständig gegenseitig im Weg stehen. Gleichsam kommen die Bestellungen häufiger, benötigen immer mehr verschiedene Zutaten und die Geduld der Gäste sinkt stetig. Wird nicht rechtzeitig serviert, gehen die Kunden stiften. Das sollte aber tunlichst vermieden werden, denn nur für jedes korrekt und pünktlich geschickte Gericht gibt es Punkte. Am Ende gibt es dafür pro Level ein bis drei Sterne. Die Highscore-Jagd kann also beginnen.

Viel Varianz und einige technische Mängel

Die Entwickler von Overcooked haben sich allerdings nicht auf der guten Basisidee ausgeruht. Bei Overcooked wird ein richtig abwechslungsreiches Menü geboten. Jedes Level benutzt dazu andere Modifikatoren. So kocht man etwa an Deck eines wackeligen Piratenschiffs, dessen Küchenausstattung extrem anfällig für den Wellengang ist. Auf einer belebten Kreuzung laufen den Spielern ständig Passanten vor die Füße und irgendwann wird sogar auf Eisschollen gekocht. Darüber hinaus variiert in jedem Level der Herstellungsprozess der einzelnen Gerichte. Dabei kann das Essen auch mal überkochen oder man muss die Situation mit einem Feuerlöscher entschärfen.

Durch die vielen unterschiedlichen Gameplay-Mechaniken bekommt das Spiel eine recht taktische Geschmacksnote. Wer mit seinen Freunden die Level wirklich gut wegkochen will, muss sich unter Zeitdruck möglichst effiziente Produktionsketten überlegen, Absprachen treffen, delegieren und darf bei plötzlichen Problemen nicht gleich den Kopf verlieren.

Auf anderen Plattformen steht Overcooked schon eine Weile auf der Karte der Online-Shops. Da ist es nur fair, dass Switch-Spieler nicht nur den Hauptgang, sondern auch den Nachschlag sowie das Dessert in Form der DLCs “The Lost Morsel” und “The Festive Season” serviert bekommen. Bei beiden Erweiterungen handelt es sich um eine Mini-Kampagne, in denen ihr jeweils eine Hand voll neuer Level verzehren dürft.

Allerdings gibt es im Gegenzug auch eine eher bittere Pille zu schlucken: die Performance des Spiels ist momentan noch recht halbgar und erreicht trotz der eher simplen Comicgrafik nicht immer eine stabile Framerate. Dadurch ist das Spiel zwar in keinster Weise unspielbar, enttäuschend ist es aber trotzdem. Vermutlich war den Entwicklern eine zügige Veröffentlichung wichtiger als die Portierung noch einmal abzuschmecken. Immerhin: Es wird bereits an einem Patch gearbeitet, mit dem die Entwickler noch etwas nachsalzen.

Fazit:

Overcooked ist ein echter Multiplayer-Leckerbissen. Einzig die etwas verkochte Technik verhindert eine noch höhere Sterne-Wertung. Und trotzdem kann der Titel Genre-Konkurrenten wie Super Bomberman R dank seiner großen Portionen beim Spielinhalt locker wegputzen. Auch wenn ein Level-Editor noch die Kirsche auf der Sahne gewesen wäre, gibt es auch so genug Inhalte und Variationen zu probieren, um für viele lange Spieleabende zu sättigen. Dennoch ist zu betonen: für Solisten ist dieses Spiel keine vollwertige Mahlzeit und das maximale Geschmackserlebnis entfaltet sich erst ab drei Spielern. Wer aber regelmäßig genug Freunde mit Appetit für Mehrspieler-Titel an den Tisch bekommt, der sollte beim nächsten Mal definitiv Overcooked servieren.

Von uns getestet: Nintendo-Switch-Version

Wertung:

8.0

Lars Peterke meint:

"Ein sehr genussvoller Multiplayer-Spaß mit technischen Schwächen"
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Sehr gut
Technik: Durchschnittlich

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3 Kommentare:


Ribesal
vor 4 Monaten | 0
Da ich selten jemanden zur Hand habe um so etwas zu spielen wirds für mich wohl nix.

Aber ich muss schon sagen, diese ganzen Küchen Anspielungen...
Einen derartig geschrieben Testbericht serviert zu bekommen mundet vorzüglich ;D

Samus_Aran
vor 4 Monaten | 1
Ich finde es auch sehr gut, dass der liebe Kamil beim Einpflegen meines Tests auch die Genre-Angabe konsequent umgesetzt hat :D

2null3
vor 4 Monaten | 2
Der Test deckt sich im großen und ganzen mit meiner Meinung. Ich habe "Overcooked" und "Death Squared" zeitgleich gekauft und finde Overcooked ein wenig besser, da es quirliger und lebendiger ist, als Death Squared bei dem die Stimmung auch eher ruhiger ist (trotz all der spaßigen Rätsel und Todesfallen).
Ruckler in der Performance konnte ich bisher nie beobachten, wobei ich die ja auch bei Zelda BotW nur 3 mal hatte (oder dafür blind bin). Allerdings gibt es kleine Frust-Momente, wenn man z.B. statt Objekt A drei mal in Folge Objekt B greift, weil die Steuerung gut aber nicht perfekt ist und man so wertvolle Zeit/Punkte verliert. Das macht das Spiel aber nicht unspielbar und perfekte Scores sind nur eine Frage von Übung und Geduld.

Hintergrundinfo: Phil Ducan, einer der Entwickler hat selber lange in Restaurants gearbeitet und ist der Meinung, dass die Arbeit in der Küche eine perfekte Analogie für Coop-Spiele ist, weil viele Menschen viele Arbeitsschritte untereinander aufteilen, um schnell das beste Ergebnis zu schaffen. Deswegen wurde es ein Kochspiel. ;-)
Quelle: http://www.gamasutra.com/view/news/279715/Game_Design_Deep_Dive_Building_truly_cooperative_play_in_Overcooked.php