Test: Crash Bandicoot N.Sane Trilogy (Update: Fazit zur Switch-Version)

Von Andreas Held am 08. Juli 2018

Bevor Naughty Dog mit Uncharted auf testosterongeprägte Shooter-Action setzte, versuchte sich das Studio an einem knuddeligen Platformer - den wir nun in HD noch einmal erleben dürfen.

Ein Relikt aus alten Glanzzeiten

Wer erst mit dem Nintendo Gamecube oder später in die Welt der Videospiele eingestiegen ist, verbindet mit dem Namen „Crash Bandicoot“ bestenfalls mittelmäßige 3D-Platformer von der Stange. Das liegt daran, dass Sony zur Jahrtausendwende die Rechte an dem Franchise verlor, die danach von Publisher zu Publisher weitergereicht wurden und unter anderem bei Sierra und Konami landeten - und diese wollten offenbar nur schnelles Geld mit dem Namen verdienen, anstatt wirklich gute Fortsetzungen zu entwickeln. In den späten 90er Jahren gehörte Crash Bandicoot allerdings zu den bekanntesten Figuren, die mit der PlayStation in Verbindung gebracht wurden. Die N. Sane Trilogy, die alle drei der für die Sony-Konsole entwickelten Jump'n'Runs auf einer Disc vereint, wurde von Vicarious Visions produziert, das 2005 von Activision gekauft wurde und seit 2011 zusammen mit einigen anderen Activision-Studios das Skylanders-Franchise unterhält.

Obwohl die HD-Neuauflage von Grund auf neu entwickelt wurde, kommt sie bemerkenswert nah an die Originale heran. Zwar wurde die komplette Optik neu gestaltet und die Spiel-Engines der originalen Trilogie vereinheitlicht, sodass auch der Erstling von dem für die Nachfolger durchgeführten Feintuning profitiert. Darüber hinaus hat Vicarious Visions jedoch keine eigenmächtigen Änderungen vorgenommen. Auf Eingriffe ins Balancing oder den Schwierigkeitsgrad wurde verzichtet, und auch die Kollisionsabfrage ist genauso kleinlich, wie sie es in den 90er Jahren war - je nach persönlichem Geschmack ist das Fluch oder Segen. Im Umkehrschluss heißt das leider auch, dass die Trilogie kaum mit sinnvollen Extras erweitert wurde: Die Online-Leaderboards für Speedruns sind sehr rudimentär und zeigen für jedes Level lediglich die fünf schnellsten Zeiten sowie einige zufällig ausgewählte Spieler an. Eine Möglichkeit zum Herunterladen von Geistdaten fehlt völlig.

Auf den Spuren von Donkey Kong Country

Im Gegensatz zu Super Mario 64 oder Tomb Raider sind die Crash-Bandicoot-Spiele vollständig linear. In fast allen Levels seht ihr Crash Bandicoot entweder von hinten und bewegt euch "in den Bildschirm hinein" oder steuert das Spielgeschehen aus einer klassischen Seitenansicht. Auf diese Weise laufen wir im ersten Teil vor allem durch Dschungel-Pfade und Inka-Ruinen, springen von Wasserpflanze zu Wasserpflanze einen Flusslauf entlang oder erklimmen Holzwälle, die von einem Eingeborenenstamm errichtet wurden. Im letzten Drittel des Spiels weichen diese Naturlandschaften den industriellen Bauten von Bösewicht Neo Cortex. Offenbar hat sich Naughty Dog stark von Donkey Kong Country inspirieren lassen, das einen nahezu identischen Spielverlauf verfolgte. Aber auch die Ursprünge des Uncharted-Leveldesigns lassen sich in Crash Bandicoot bereits wiedererkennen, wenn ihr beispielsweise in einer zerfallenen, antiken Stadt über diverse Vorsprünge eine hohe Mauer erklimmen müsst.

Wollt ihr lediglich die etwa 25 bis 30 Level absolvieren, die jeder der drei Titel zwischen das Titelbild und den Abspann gesetzt hat, werdet ihr damit nicht allzu lange beschäftigt sein. Der Schwierigkeitsgrad der Platformer ist sehr moderat - zwar gibt es hier und da ein paar knifflige Levels, aber großzügig verteilte Checkpoints und ein üppiges Konto an Extraleben sorgen dafür, dass ihr niemals vor allzu große Hindernisse gestellt werdet. Anders sieht es aus, wenn ihr auf der Suche nach Edelsteinen und Relikten entweder alle Kisten in einem Level finden und zerstören oder eine Zeitprüfung bestehen müsst. Vor allem Letztere können sehr knifflig werden, da ihr nach einem Fehler das komplette Level neu starten müsst.

Minimalistisches Gameplay

Vergleicht man Crash Bandicoot mit modernen Action-Adventures, wirkt das Gameplay geradezu rudimentär. Die Entwickler gaben dem Protagonisten genau drei Aktionen (Laufen, Springen, Wirbelattacke) an die Hand und verzichteten auf jegliche Art von RPG-Elementen. Viele bezeichnen diese Art des Spieldesigns als veraltet, aber es besitzt auch einen gewissen Charme, den moderne Videospiele nur noch sehr selten vorweisen können. Wenn ihr an einer kniffligen Herausforderung festhängt, gibt es keinen Trick, mit dem ihr das Leveldesign aushebeln könntet, und kein spezielles Item, dessen Einsatz euch das Leben erleichtern würde. Dafür ist aber auch das Erfolgerlebnis viel größer, wenn ihr endlich ein Gold-Relikt in den Händen haltet, dessen Erwerb nur eine Stunde zuvor noch unmöglich schien.

Doch auch dann, wenn euch diese optionalen Herausforderungen egal sind und ihr die Crash-Bandicoot-Trilogie nur bequem durchspielen wollt, ist das simple Spieldesign in der heutigen Spielelandschaft wirklich einzigartig und erfrischend. Denn es gibt weder ellenlange Intro-Sequenzen noch zähe Tutorials, die dafür sorgen, dass das Spiel erst nach einigen Stunden „richtig losgeht“. Stattdessen werdet ihr nach dem Klick auf „Neues Spiel“ fast sofort ins erste Level geworfen und lernt in den ersten 30 Sekunden alles, was ihr wissen müsst. Danach erwartet euch eine kompakte Spielerfahrung ohne ellenlange Cutscenes, ohne Wanderwege auf einer aufgeblähten Weltkarte und ohne langes Herumklicken in irgendwelchen Ausrüstungs-Menüs.

Fazit:

Crash Bandicoot: The N. Sane Trilogy demonstriert, wie ein HD-Remaster im Idealfall auszusehen hat. Vicarious Visions hat die Jump'n'Run-Klassiker von Grund auf neu entwickelt und den optischen Anstrich komplett ausgetauscht, gleichzeitig jedoch keinerlei Eingriffe ins Gameplay vorgenommen. Das Ergebnis ist eine Kollektion aus drei sehr simplen Platformern, deren Einfachheit jedoch gerade ihren Charme ausmacht. Die Crash-Bandicoot-Serie verzichtet auf lange Dialoge oder komplexe Spielsysteme und punktet stattdessen mit seiner ausgezeichneten Spielbarkeit und dem sehr ideen- und abwechslungsreichen Leveldesign. Optionale Herausforderungen für Entdecker und Speedrunner runden das Gesamtpaket ab. Wer eine simple und kurzweilige Spielerfahrung sucht, wird mit der N. Sane Trilogy also genauso glücklich wie Vielspieler, die sich mit den Time Trials noch einmal richtig fordern möchten.

Nico meint (Nintendo-Switch-Version): 

Ich habe die Crash-Bandicoot-Titel damals zwar nicht gespielt, sie hätten mir zu deren Release aber ziemlich sicher besser gefallen als heutzutage. Klar, das sehr simple Leveldesign und die beschränkten Aktionsmöglichkeiten des Beuteldachses versprühen einen gewissen Charme, der neben alten Fans wohl auch einige andere Spieler in seinen Bann ziehen kann. Doch existieren inzwischen zahlreiche moderne Vertreter des Genres, die beinahe alles besser machen als die Bandicoot-Spiele - zumindest was die wichtigen Gameplay-Funktionen anbelangt. Naughty Dog schafft es fast nie, Spielelemente anständig durch das Leveldesign zu erklären, so kommt es viel zu oft zu Trial-and-Error-Passagen, die den Spielspaß deutlich trüben. Die von Andreas angesprochene Kollisionsabfrage bleibt das gesamte Spiel über so unverständlich wie ungenau und oft ist zu schwer zu erkennen, wo sich die Spielfigur in den 2,5D-Leveln gerade genau aufhält. Daran hat im Handheld-Modus der kleine Switch-Bildschirm allerdings eine Mitschuld.

Die Trilogie läuft auf Nintendos Konsole in 720p im TV-Modus und in nur 480p im Handheld-Modus. Die Bildrate bleibt dabei fast konstant bei 30 Bildern pro Sekunde, die vorhandenen Einbrüche (vor allem während der Filmsequenzen) machen sich nicht bemerkbar. Das Bild ist aufgrund von Anti-Aliasing und Motion Blur deutlich weicher als auf den restlichen Plattformen, dazu fehlen einige grafische Elemente und stellenweise Schatten. Gehen wir mit der Konsole während des Spielens in den Standby-Modus, ist es nach einem Neustart nicht möglich, den Controller beliebig zu wechseln: Haben wir vor dem Standby mit dem Pro Controller gespielt, müssen wir diesen auch weiterhin nutzen, wenn wir das Spiel nicht neustarten wollen. Insgesamt ist die Nintendo-Switch-Version also ganz klar die schwächste auf dem Markt. Immerhin kamen mit dem Release der Trilogie auf Switch, PC und Xbox One noch zwei weitere Level in das Spiel (für jede Version), Stormy Ascent und Future Tense, die besondere Herausforderungen darstellen. Eine Kaufempfehlung kann ich trotzdem nicht aussprechen.

Wertung:

8.0

Andreas Held meint:

"The N. Sane Trilogy vereint das liebevolle Spieldesign der Jump'n'Run-Klassiker mit einer modernen Grafik-Engine."
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Gut
Technik: Gut

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5 Kommentare:


Falcon
vor 11 Monaten | 0
Danke für den Test! :-)

Gibt es zwischen den drei Teilen qualitative Unterschiede? Also ist einer davon besonders gut / schlecht? Oder sind die wirklich alle auf demselben Niveau, dass sowas gar nicht erst erwähnt wird?

Vyse
vor 11 Monaten | 0
Vermutlich gibt es auf die Frage keine definitive Antwort. Ist halt ähnlich wie bei der Donkey Kong Country-Trilogie, wo jeder seinen persönlichen Favoriten hat.

SantiagoWinehouse
vor 11 Monaten | 1
Ich finde die Steuerung teils zu ungenau, um heikle Passagen zu meistern. Oftmals hilft da nur Glück und nicht echtes Können.

KonoeA.Mercury
vor 11 Monaten | 0
Das und die Tatsache, dass heutzutage jeder Templerun Klon mehr vielfalt bietet.

Ich fand die Spiele damals schon extrem mies mit ihren ständig wiederholenden hindernissen in einem schlauch ohne Freiheit (selbst bei den 2D Passagen). Den Hype schreib ich nur der Tatsache zu, dass viele PS-Only Spieler noch nie ein richtiges Jump'n run gespielt haben.
Vyse
vor 11 Monaten | 0
Haters gonna hate. Ich hatte mit der Steuerung auch bei schwierigen Speedruns keinerlei Probleme (eher im Gegenteil, denn gerade hier merkt man, wie sehr man sich durch Übung immer weiter verbessert) und hatte persönlich, obwohl ich Temple Run-Klone nicht ausstehen kann, deutlich mehr Spaß mit den Remakes als mit Super Mario 3DWorld.