Pokémon GO: ein Tagesausflug mit den Profis

Von Lars Peterke am 24. Juli 2017

Pokémon GO wird ein Jahr alt. Aber was ist vom Mega-Hype übrig? Unser Redakteur Lars hat einen Selbstversuch gestartet. Um den ersten Geburtstag von Pokémon gebührend zu feiern, plant Entwickler Niantic eine Reihe von Events. Sie sollen nicht nur neue Aufmerksamkeit auf das ortsbasierte Mobile-Game lenken, sondern auch neues Futter für die Fans bereitstellen. Denn die gibt es tatsächlich noch zu Hauf. Allerdings ist aus dem einstigen Hype nun eine Art Subkultur geworden. Von den vielen Millionen Spielern ist nur noch der “harter Kern” übrig. Aber was genau steckt eigentlich dahinter? Was ist das für eine Community?

Feste feiern wie sie fallen

Ich möchte einen Feldversuch starten und mich wieder in das Spiel einklinken. Dazu habe ich mir den 22. Juli ausgesucht. Der Termin kommt nicht von ungefähr. An diesem Samstag will Niantic das erste Pokémon GO Fest in Chicago veranstalten. Die Idee dahinter ist besonders für die Fans vor Ort motivierend: sie müssen im Grant Park von Chicago innerhalb einer bestimmten Zeit möglichst viele Pokémon fangen, damit sie im Anschluss das Erscheinen der ersten legendären Pokémon auslösen. Werden diese anschließend erfolgreich besiegt, dürfen im Anschluss alle Spieler weltweit auf die Jagd nach ihnen gehen.

Natürlich bin ich nicht extra nach Chicago geflogen, dass wäre mir dann doch etwas zu viel des Guten. Stattdessen höre ich mich in meiner Heimatstadt Bremen um. Über die Zeit haben sich diverse offene Gruppen auf Facebook aufgetan, die jeweils ein Sammelbecken für größere Regionen sind. Dies ist der erste Berührungspunkt mit aktiven Spielern aus der Community. Hat man hier erstmal einen Dialog, ist es nur noch ein kleiner Schritt bis zu einer der oftmals wesentlich filigraner organisierten WhatsApp-Gruppen. Praktischerweise ist eine Freundin seit einigen Wochen Mitglied in einer solchen Gruppe. Ich überspringe also diesen Schritt und werde sie heute einfach begleiten. Dann will ich fleißig mithelfen. Weltweit dürfen die Spieler nämlich heute ihren Beitrag leisten, um im Rahmen des Pokémon GO Fests zusätzliche Boni freizuschalten. Um 18, 20 und 22 Uhr müssen wir je eine halbe Stunde lang möglichst viele Pokémon fangen. 

Bei bestem Sommerwetter mache ich mich am späten Nachmittag also mit geladener Powerbank auf den Weg. Meine Begleitung nennt mir einen Treffpunkt nahe des Bremer Hochschulkomplexes. Der ist nicht zufällig gewählt. Hier liegen vier PokéStops so dicht beieinander, dass ich mich ohne Bewegungen regelmäßig mit neuen Tränken, Pokébällen und Beeren versorgen kann.

Offenherziges Miteinander und mein erster Raid

Als ich ankomme bin ich sichtlich erstaunt. Eine große Gruppe von über 25 Personen sitzt bereits auf dem Boden eines Parkplatzes. Manche haben Decken dabei, andere trinken Bier. Ein Teilnehmer sorgt für elektronische Musik aus seiner Bluetooth-Box. Das Clientel und ihr Alter wirkt breit gefächert. Als ich ankomme, werde ich kurz nervös beäugt. Das ich ein paar Zeilen schreiben will und eventuell auch ein Foto mache, hat meine Begleitung fairerweise vorab angekündigt. Recht schnell erklären mir die Anwesenden dann wie der Hase läuft. Ein Mitglied der Gruppe wird mir direkt von meiner Begleitung als Jürgen vorgestellt. Er ist einer der Veteranen und erklärt mir einige Dinge die ich seit meiner Spielpause verpasst habe. Demnach hat Pokémon GO seit dem großen Arena-Update im Juni wieder ordentlich an Zuspruch gewonnen. Auch ein Zufluss an neuen Spielern sei dadurch seinen Beobachtungen nach zu verzeichnen.

Es folgt eine Bestandsaufnahme. Mein stärkstes Pokémon ist ein 753er Elektek und mein Avatar ist gerade einmal auf Level 14. Das reicht aber immerhin um bei Raids mitzumachen. Diese sind mit dem Arena-Update nun Bestandteil von Pokémon GO und können einmal pro Tag absolviert werden, sofern man mindestens Level 5 erreicht hat. Ebenfalls erfreulich: genau wie fast alle anderen habe ich mich damals zum Spielstart für das blaue Team Mystic entschieden. Ich kann also auch ohne Probleme bei den Eroberungen von Arenen mitmachen, sollte es heute dazu kommen. Weit abgeschlagen bin ich natürlich trotzdem. In der Gruppe haben bereits einige das aktuelle Level-Cap erreicht und verfügen über entsprechend starke Pokémon.

Nachdem wir um 18 Uhr die ersten Pokémon fangen und fleißig Lockmodule aufbrauchen, spielen wir einen Raid an einer nahegelegenen Arena. Dort wartet ein starkes Bisaflor darauf von uns besiegt und gefangen zu werden. Ein Mitglied der Gruppe eröffnet eine Lobby, danach haben wir nur wenige Minuten Zeit um Bisaflor zu besiegen. Während mir geraten wird einfach nur auszuweichen, da meine Pokémon im Kampf eh keine Chance hätten, kümmern sich die anderen Spieler darum Bisaflor zu besiegen. Im Anschluss bekomme ich dann wie auch alle anderen die Chance das Pflanzenpokémon zu fangen, scheitere aber an meiner Wurftechnik.

Pizza, Bier und Grabenkriege

Zwischendrin macht Jürgen immer wieder Ansagen. Oft sind dies Ankündigungen des nächsten Pizza-Runs oder die Bitte an alle umsichtig auf Müll zu achten. Es ist ihm wichtig, dass wir den Ort so verlassen wie wir ihn vorgefunden haben. Wir entscheiden uns für eine Türkische Pizza an einer nahegelegenen Dönerbude. Das gibt mir die Gelegenheit die Leute etwas näher kennenzulernen. Ich unterhalte mich beim Essen über Speedruns, Nintendo Switch und Splatoon 2. Ein kleiner Junge erzählt uns derweil von seinem neuesten Fang: Einem 1333er Aquana. Er hat es zusammen mit seinen Eltern bei einem anderen Raid gefangen. Neben Studenten und auch älteren Leuten sind sogar Familien da, die Gruppe ist wirklich bunt gemischt.

Nach der zweiten Fang-Runde um 20 Uhr wird es etwas bierseliger. Bei einigen Teilnehmern reift der Plan heran den Abend später in einem nahegelegenen Tanzschuppen ausklingen zu lassen. Der nächste Pizza-Run, nochmal schnell zum Späti. Einer aus der Gruppe holt seine Gitarre von zu Hause und beginnt uns Lieder vorzuspielen. Bei Wonderwall singen natürlich alle mit. Laut Jürgen gibt es mehrere dieser organisierten WhatsApp-Gruppen in Bremen. In seiner Gruppe zählt er aktuell um die 45 Mitglieder, die hauptsächlich auf den Stadtteil Neustadt fokussiert sind und dort die Herrschaft von Team Mystic sichern. Unsere Zusammenkunft hat sich derweil rumgesprochen. Auf der Studentenplattform Jodel erkundigt man sich bereits nach uns.

Während die anderen um 22 Uhr ein letztes Mal auf die Jagd gehen, bin ich immer noch in irgendwelche Gespräche verwickelt. Während die Familien und Älteren inzwischen gegangen sind, bekommt unsere Gruppe an anderer Stelle Zuwachs. Ich unterhalte mich mit einer Kunstwissenschafts-Studentin aus Finnland auf Englisch. Sie hat ihren Hund Harrison dabei, benannt nach dem Beatle. Sie sagt, Harrison liebt Pokémon GO. Ich glaube, Harrison liebt es einfach von anderen gestreichelt zu werden. Dem komme ich sehr gerne nach, denn sein flauschiges Fell würde jedes Schaf vor Neid erblassen lassen. Wir tauschen im Anschluss Kontaktdaten auf Facebook aus. Ich erhoffe mir Harrison-Fotos und reihe mich in die lange Liste an potentiellen Hunde-Sittern ein und verspreche hoch und heilig meinen Hund Paul zu nennen, sollte ich mir jemals einen anschaffen.

Die Gruppe löst sich langsam auf. Bevor es für uns aber auf die Tanzfläche geht, wollen wir noch ein paar Arenen “plattmachen”. Die Karte zeigt drei Scharlachrote Türme in der direkten Umgebung an. Mit einem Wegbier ausgerüstet färben wir sie nach und nach blau. An der dritten Arena informiert uns das Spiel über die Rückkehr einiger Pokémon, die wir zuvor in anderen Arenen platziert haben. “Mist, offenbar sind die Roten hier auch unterwegs!”, wettert meine Begleitung. Wenig später kommt ein Junge mit seinem Fahrrad vorbei. Sein Smartphone hat er wie ein Navigationsgerät an den Lenker geschnallt. Er ist offenbar von Team Rot, wird aber dennoch freundschaftlich begrüßt. Man kennt sich untereinander. Natürlich hält uns das aber nicht davon ab die nun roten Arenen auf dem Rückweg erneut zu erobern. “Es geht ums Prinzip!” sagt Jürgen. Ich finde diese kleinen Grabenkriege aufregend, aber auch ermüdend. Langfristig hätte ich wohl keine Lust um Mitternacht um die Blocks zu schleichen. 

Lieber Bremen als Chicago

Es ist fast fünf Uhr morgens, als ich endlich meinen verdienten Schlaf erhalte. Es war ein sehr schöner aber gegen Ende auch etwas anstrengender Abend. Vermutlich fehlt mir für wirklich passioniertes Spielen der lange Atmen. Aber die Neuerungen von Pokémon GO machen Lust auf mehr und die Arenakampf-Scharmützel machen besonders in der Gruppe Spaß.

Während ich also von einem mehr als gelungenen Abend sprechen kann, schweifen meine Gedanken nach Chicago. Dort haben die Spieler offenbar ihr Ziel erreicht. Ab sofort können wir Lugia und Arktos als Raid-Bosse besiegen. Ansonsten ist das Echo eher verhalten. Offenbar hat man sich in Chicago nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Massig Verbindungsabbrüche, schlechte Organisation und lange Schlangen haben das erste Pokémon GO Fest zu einem Reinfall werden lassen. Im Internet machen bereits peinliche Video-Zusammenschnitte die Runde. Die Twittersphäre tut ihr übriges.

Das ist natürlich sehr schade, stört mich aber wenig. Ich hatte dank Pokémon GO einen spannenden Abend. Überhaupt bin ich mir unsicher, ob an diesem Abend wirklich Pokémon GO im Mittelpunkt stand, oder nicht doch eher das schöne soziale Miteinander bei Pizza und Bier. Vielleicht hole ich in Zukunft bei meinen Spaziergängen mein Smartphone heraus. Damit ich nächstes Mal mit stärkeren Pokémon auftrumpfen kann.

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4 Kommentare:


Falco
vor 2 Jahren | 0
War auch das Wochenende für eine halbe Stunde unterwegs, jedoch hatten wir schnell die Lust verloren, weil die Netzabdeckung mäßig und die Mücken lästig waren.

Dennoch ein sehr spannender Artikel, wie ich finde. Gerne öfter von solchen Erlebnissen berichten :D

Pogo
vor 2 Jahren | 0
Rachel! <3


urmel64
vor 2 Jahren | 0
TEAM GELB!

blither
vor 2 Jahren | 0
Sehr schöner Bericht! Hört sich nach viel Spaß an. Und die Biertrinker haben Geschmack! :cheers: